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Hannover Messe : Effizienz ist die größte Energiequelle

Möglichkeiten zum Stromsparen: Ein Cola-Automat muss nachts nicht unbedingt gekühlt werden Bild: AFP

Dass sich Energieeffizienz rechnet, ist nach Ansicht des Elektrotechnikverbands bei vielen noch nicht angekommen. Oft zählen nur die Kosten für die Investition statt für den laufenden Betrieb. Auf der Hannover Messe präsentiert der Verband ein neues Verfahren zur Entscheidungshilfe.

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          Die Stadtväter von Böblingen-Sindelfingen haben begriffen, wie es geht. Sie haben 25.000 Euro ausgegeben und sparen dafür in den kommenden 24 Jahren 200.000 Euro ein. Dabei haben sie keine riskante Geldanlage einer Bank gekauft, sondern haben ihre Kläranlage renoviert. Technisch gesehen haben sie nur Rückschlagklappen an Pumpen gegen Schieber mit pneumatischen Antrieben ausgetauscht. Das hat 25.000 Euro gekostet und führt zu einer Energieeinsparung im Wert von gut 11.000 Euro im Jahr.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Für Michael Ziesemer, den Vizepräsidenten des ZVEI Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie, ist das mehr als ein erfreuliches Ereignis für Böblingen-Sindelfingen. Dieses Beispiel beweist nach seiner Ansicht, dass sich Energieeffizienz rechnet. Das hört sich trivial an, ist aber in vielen Köpfen noch nicht angekommen, beklagt Ziesemer, im Hauptberuf Vorstandsmitglied der Endress + Hauser AG, eines führenden Anbieters von Messtechnik für die industrielle Produktion.

          Nur das billigste Angebot zählt

          Vor allem die öffentliche Hand sei bei Investitionen in energiesparende Lösungen bis heute sehr zurückhaltend. Das hängt nach Ziesemers Ansicht damit zusammen, dass man bei Investitionen immer noch weitgehend nach dem billigsten Angebot Ausschau hält. Das sei zwar durch die Vergabeverordnungen gedeckt. Aber es führe zu einer sehr kurzsichtigen Handlungsweise, weil es nur die Investitionskosten berücksichtige - und nicht die dann folgenden laufenden Betriebskosten über die gesamte Lebenszeit einer Anlage. So kaufe man eine jetzt billige Lösung, bezahle dann aber jedes Jahr sehr viel mehr an Betriebskosten.

          Der Wirtschaft fällt es zwar leichter, in Lebenszykluskosten zu denken. Aber auch hier machen es die wenigsten. Felix Seibl, Geschäftsführer des Fachverbandes Automation im ZVEI geht davon aus, dass auch in den Unternehmen häufig ausschließlich die Anschaffungspreise alternativer Anlagen verglichen werden. Nehme man noch die Unternehmen hinzu, die wenigstens die Amortisationszeit einer Investition mit ins Kalkül einbeziehen, habe man 80 Prozent der Investoren erfasst. „Eine Investitionsentscheidung auf Grund der Lebenszykluskosten machen auch in der Wirtschaft höchstens 20 Prozent der Unternehmen“, ist Seibl überzeugt.

          Hohe Anfangsinvestitionen wirken abschreckend

          Aber die Vorteile energieeffizienter Anlagen kommen erst bei der Betrachtung aller Kosten über die gesamte Lebensdauer zum Tragen. Die Anfangsinvestition ist meist höher als bei vergleichbaren Anlagen herkömmlicher Technik. Das ist nach Ansicht vieler Experten ein Grund, warum sich energiesparende Technik langsamer durchsetzt als gedacht. Rechnete man aber den Energieverbrauch über die Lebenszeit der Anlage mit ein, käme mancher Investor zu einer anderen Entscheidung.

          Das ist allerdings nicht so einfach, wie es sich anhört. Wer die Kosten über einen gesamten Lebenszyklus berechnen will, muss Annahmen über die künftige Entwicklung von Energiekosten (Strom- oder Gaspreis) machen, muss die Zinsentwicklung einschätzen, muss bei unterschiedlichen Wartungskosten die Entwicklung der Löhne einschätzen können und eventuell eine Vorstellung haben, was der Abbau oder die Verschrottung einer Anlage am Ende ihrer Lebenszeit kosten könnte.

          Weil diese Rechnung nur dann zu einer Entscheidungshilfe wird, wenn man alle anfallenden Kosten möglichst realistisch einschätzt, hat der ZVEI als Branchenverband gemeinsam mit dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte ein Lebenszykluskostenmodell entwickelt, das auf der Hannover Messe (siehe Kommentar: Hannover Messe am Puls der Zeit) der Öffentlichkeit präsentiert wird.

          Schon der Stromzähler hilft weiter

          „Wir wollen zeigen, dass Energiesparen nicht nur etwas für das gute Gewissen ist, sondern sich das gute Gewissen auch im Portemonnaie des Investors niederschlägt. Wenn wir aber Investoren überzeugen wollen, muss unsere Rechnung nachvollziehbar und gerichtsfest sein“, begründet Ziesemer das Modell der Lebenszykluskosten. Das Modell sei so konstruiert, dass es auch einer Überprüfung durch Wirtschaftsprüfer standhalte und zertifizierbar sei.

          Würde nach diesem Modell investiert, würden durch geringeren Energieverbrauch Umwelt und Kassen der Investoren entlastet. Böblingen-Sindelfingen sei überall. Die Energieeinsparpotentiale seien nirgendwo ausgeschöpft. Das beginne bei moderneren Produktionsanlagen in der Zement, oder Stahlindustrie, wo besonders viel Energie eingesetzt wird, aber es ende noch lange nicht bei den Getränkeautomaten, die die ganze Nacht über die Coca Cola kühlen, obwohl in dieser Zeit die Nachfrage danach bei null liegt. Die Investition in einen Stromzähler, der nicht nur die Menge des verbrauchten Stroms misst, sondern auch den Verbrauch im Laufe des Tages angibt, habe schon manchen Stromabnehmer überrascht.

          Am Beispiel einer Kläranlage habe man die Auswirkungen der Lebenszykluskostenanalyse deshalb erläutert, „weil die öffentliche Hand eben nicht nur das preiswerteste Angebot annehmen soll, sondern auch ausdrücklich der Ausschreibungsvorschriften eine Vorbildfunktion habe“. Aber jetzt könnte die aktuelle Diskussion den Herstellern energieeffizienter Anlagen entgegenkommen. „Wir erleben überall eine große Offenheit gegenüber dem Thema Energieeffizienz, weil viele Investoren befürchten, dass schon kurz- oder mittelfristig neue Vorschriften zum Einsatz energieeffizienter Anlagen kommen“, beobachtet Ziesemer.

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