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Hanks Welt : Per Losentscheid zu mehr Gerechtigkeit

Fallen die Würfel, ist nichts als der Zufall das Auswahlprinzip. Bild: Rüchel, Dieter

Ob beim Impfen, bei der Schulplatzvergabe oder in der Karriere, ein gerechtes Auswahlverfahren zu finden ist schwierig. Dabei kann eine Idee der alten Griechen viele Probleme lösen: Der Zufall entscheidet.

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          Vergangene Woche bekam meine Nachbarin einen Anruf von ihrer Hausärztin. Leider müsse sie den Booster-Termin absagen, weil ihre Praxis viel weniger Impfstoff zugeteilt bekommen habe als versprochen. Solche Anrufe kriegen derzeit viele Impfwillige, blöd für die Ärzte und ihre Patienten. Warum sagt die Ärztin ausgerechnet meiner Nachbarin ab? Sie streiche die Termine nach dem Eingangsdatum der Buchung, so die Antwort, frei nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Man könnte auch andere Kriterien wählen: das Alter der Impfwilligen, die Schwere der Vorerkrankung oder die langjährige Treue zur Arztpraxis. Letztlich hat alles eine gewisse Plausibilität. Wirklich gerecht geht es aber nicht zu.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nehmen wir ein anderes Beispiel. Regelmäßig waren begehrte Gymnasien in Frankfurt beim Wechsel der Viertklässler aus der Grundschule überbucht. Es gab einen Wust von Kriterien zur Priorisierung. Etwa die Nähe zur Wohnung. Oder eine Fremdsprache. Oder ein vorhandenes Schulprofil: So durfte sich ein Musik- oder Sportgymnasium musisch oder sportlich begabte Schüler aussuchen. Das naheliegende Kriterium der Leistung schied offiziell indes aus. Ich vermute, das liegt daran, dass das hessische Schulsystem seit den Siebzigerjahren habituell etwas gegen Leistung hat.

          Gleichwohl lief es am Ende meistens darauf hinaus, dass viele Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien es aufs Wunschgymnasium schafften (aber leider eben nicht alle), während Schüler aus bildungsferneren Familien und solche mit Migrationshintergrund eher auf der Gesamtschule landeten. Bei jenen Akademiker-Eltern, deren Kind nicht aufs Gymnasium durfte, gab es Geschrei und Widerspruch.

          Das große Losverfahren

          Seit vergangenem Jahr hat sich das staatliche Schulamt etwas Neues einfallen lassen: Die knappen Plätze werden verlost. Das würden viele auf den ersten Blick als den Gipfel der Ungerechtigkeit ansehen. Fällt der Würfel, ist der Zufall und nichts als der Zufall das Auswahlprinzip. Und das soll gerecht sein? Der Würfel ist blind für die wirklich Bedürftigen. Doch wer ist wirklich bedürftig? In aller Regel führt diese Frage zu einem Betroffenheitswettbewerb, bei dem sich jeder meistberechtigt fühlt und jede andere Entscheidung als gravierende Ungerechtigkeit empfindet.

          Das erklärt womöglich, warum der Protest der Frankfurter Eltern gegen die Einführung des Losverfahrens beim Übergang aufs Gymnasium ausblieb. Im Gegenteil: Offiziell registrierte Widersprüche der Eltern nahmen ab. Die Akzeptanz einer Zuweisung sei deutlich höher als vorher, teilen die Behörden erleichtert mit. Der Würfel in seiner ganzen Willkür wird offenkundig als fairer empfunden als die Entscheidung eines Schuldirektors. Und niemand mehr kann jetzt behaupten, Kinder mit Migrationshintergrund hätten schlechtere Chancen, auf das Gymnasium zu kommen. Diversität stellt sich von allein ein.

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