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Hanks Welt : Auf den Dächern der Großstadt

Wie wir mit Hütten mehr Wohnraum schaffen.

          Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“, dichtete Rainer Maria Rilke vor gut hundert Jahren („Herbsttag“). Die Zeile taugt in heutigen Zeiten zum Kalauer eines überhitzten Immobilienmarktes in lang währenden Nullzinsphasen, wo es angeblich nur noch reichen oder risikofreudigen Spekulanten vergönnt ist, Wohneigentum zu schaffen. Wir hätten uns Rilkes Gedicht in diesen ersten Herbsttagen zu eigen gemacht, wären wir nicht Simon Becker begegnet. Der Mann erfüllt alle Klischees eines Berliner Start-up-Gründers: weißes Hemd, modisch gepflegter Bart, sprudelnd vor Ideen, ausgesprochen sympathisch. Gerade 29 Jahre alt, hat der junge Architekt vor kurzem sein erstes kleines Unternehmen auf den Markt gebracht: „Cabin Spacey“ nennt sich das Projekt, das Becker zusammen mit einem Kompagnon stolz präsentiert.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Cabin Spacey, übersetzt etwa „geräumige Kajüte“, baut Holzhäuschen, die Becker gerne auf die Dächer moderner Großstadthäuser pflanzen würde. Vor kurzem haben wir den Jungunternehmer in Schöneberg kennengelernt in einer etwas unwirtlichen, aber gewiss coolen Gegend neben einem riesigen Ikea-Markt. Dort ist sein Prototyp ausgestellt – und findet reges Interesse. Ob Becker sein Start-up heute immer noch Cabin Spacey nennen würde, nachdem Kevin Spacey, berühmt geworden durch die Serie „House of Cards“, von der #MeToo-Bewegung in die Verbannung geschickt worden ist, ist unsicher. Aber direkten Schaden stiftet die phonetische Anspielung nun auch wieder nicht. Beckers Häuschen ist ziemlich genial: Auf nur 25 Quadratmetern bietet es alles, was der Mensch zum Leben braucht. Ein Bett, einen Tisch, eine Dusche, eine kleine Küche. Alles auf Hightech-Niveau, wie es sich im Zeitalter der Digitalisierung gehört, so smart, dass es smarter nicht mehr geht: Vom Bad bis zur Küche wird gar alles über eine App gesteuert. Mit Bluetooth verbunden, lässt sich die Musiksammlung des Handys auf wunderbaren Sonos-Boxen anhören. Dass die nötige Energie mit Solarzellen produziert wird, versteht sich ohnehin: Die neue Welt ist nicht nur small und smart, sie muss auf jeden Fall auch öko sein. Cabin Spacey reiht sich ein in die Bewegung der Tiny Houses, der Minihäuser, die, ausgehend von Amerika, inzwischen auch hierzulande viele Freunde hat. Vier Personen passen in so ein Häuschen. Aber dann wir es schon arg eng. Besser eignet es sich für kommunikative Einsiedler. Die einfachste Behausung gibt es für 80 000 Euro, die komfortablere Variante kostet 130 000 Euro.

          Dass wir uns in diese Kajüte verguckt haben, ist nicht zu leugnen. Doch ist dies nicht der Hauptgrund, warum Simon Beckers Erfindung in dieser Kolumne prominent vorkommt, schließlich sind wir hier im Wirtschaftsteil der Zeitung. „Wir haben nicht zu wenig Wohnraum, wir haben nur zu wenig Phantasie“, lautet das Motto der Tiny-Houses-Bewegung. Wir würden diesen Satz gerne dem Immobiliengipfel als Leitspruch empfehlen, zu dem die Bundesregierung am 21. September in Berlin geladen hat, haben wir doch die berechtigte Sorge, dass man sich dort vor allem wieder über Sozialwohnungsbau, Mietpreisbremse, Baukindergeld und andere Defensivmaßnahmen unterhalten wird, die das teure Wohnen über staatlich regulierte Preise oder Subventionen in den Griff bekommen wollen. Rationierung war noch nie eine gute Idee, um ein Knappheitsproblem in den Griff zu bekommen. Sie führt in aller Regel bloß in die Warteschlange vor den begehrten Wohnungen, was zumeist nichts anderes ist als der Anfang von Korruption und Sozialismus. Ein Staat, der andauernd Mietpreisbremsen verschärft und dabei leugnet, dass er selbst die größte Neubaubremse darstellt, handelt unaufrichtig. Wenn die Preise explodieren, ist es allemal die bessere Idee, das Angebot auszuweiten, am besten dort, wo die Menschen hinwollen, in die begehrten Schwarmstädte von Berlin über Hamburg nach München. „Nachverdichtung“ heißt das uncoole Stichwort, das an Eindringlinge denken lässt, die den Blick auf Park oder Garten verstellen, oder an Wohnmaschinen von Le Corbusier, die zum Synonym für die Unwirtlichkeit unserer Städte wurden. Gerade deshalb ist Simon Beckers Cabin Spacey genial: Der Architekt will seine spitzgiebligen Holzhäuser auf die Flachdächer der Städte montieren. Allein in Berlin soll es 50 000 Dächer geben. Das sind ungenutzte Flächen, die es in Zeiten der Wohnungsknappheit zu aktivieren gilt.

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