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Hanks Welt : Sklaverei und Demokratie

Die Geschichte von Sklaverei und Demokratie sind eng verwoben: Eine Lithografie zeigt die Ankunft der ersten schwarzen Sklaven in Virginia zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Bild: Picture-Alliance

Das passt nicht zusammen – oder doch? Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die großen Vorantreiber der amerikanischen Demokratie waren zugleich Sklaventreiber.

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          Die Wiege der Demokratie liegt in Athen. Aber sie liegt auch in Nordamerika. Die Wiege der Sklaverei liegt in der Antike. Sie liegt aber auch in Nordamerika, wo britische Siedler billige Arbeitskräfte aus Afrika unterjochten, denen sie jene Freiheitsrechte vorenthielten, die sie für sich selbst erkämpft hatten. Wie passt beides zusammen? Dazu hilft ein Blick auf die Ökonomie mehr als der allgemeine Verweis auf rassistische Unmoral. Sklaverei hat wirtschaftliche Gründe. Es sind paradoxerweise dieselben Gründe, die auch zur Demokratie führten. Aber der Reihe nach.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Jahr 1607 gründete die Virginia Company of London eine kleine Siedlung, die sich Jamestown nannte. Dass private Aktiengesellschaften die Kolonisierung der Neuen Welt übernahmen, war durchaus üblich. Sie brauchten dafür lediglich eine Urkunde des englischen Königs, der ihnen das Recht der Besiedlung übertrug. Doch schalten und walten, wie sie wollten, konnten die tonangebenden Aktionäre gleichwohl nicht. Schnell hatten sie begriffen, dass gesellschaftlicher Konsens sich am besten über Teilhaberechte für alle Siedler herstellen ließ. Demokratie ist eine Art Verlegenheitslösung, wenn Autokratie nicht durchsetzbar ist.

          So kam es zwischen dem 30.Juli und dem 4.August 1619 zur ersten demokratischen Volksversammlung in Virginia. Sie setzte sich zusammen aus dem Gouverneur und einem von der Aktiengesellschaft bestimmten sechsköpfigen Konzil. Hinzu kamen zweiundzwanzig gewählte Abgeordnete, jeweils zwei aus den elf Siedlungen von Virginia. Lang hielten sie es nicht zusammen aus, es muss unerträglich heiß und schwül gewesen sein. Aber geregelt wurde, dass ein entscheidendes Recht fortan vom Siedlungsunternehmen auf das Parlament übergehen sollte: das Recht, Steuern zu erheben. Seither gilt das Haushaltsrecht als Königsdisziplin eines demokratischen Parlaments. Die Bürger wollen selbst darüber entscheiden, welchen Anteil ihres wirtschaftlichen Erfolgs sie an den sie schützenden Staat abzugeben bereit sind. Parlamentarische Kontrolle verhindert, dass mit ihrem Geld Schindluder getrieben wird. Auf Englisch: „No taxation without representation.“

          Lange vor der Erklärung der amerikanischen Unabhängigkeit im Jahr 1776 gab es in den Staaten der Neuen Welt bereits viel Demokratie: Während in Massachusetts drei Viertel der männlichen Bevölkerung wählen durften, waren es zur gleichen Zeit im 17. Jahrhundert in England (auch ein Mutterland der Demokratie) gerade einmal 3 Prozent. Diese Freiheit war ein starker Anreiz für viele, sich unter schweren Bedingungen auf den Weg in die Kolonien zu machen. Die Einführung der Demokratie für größere Bevölkerungsgruppen, so könnte man zugespitzt sagen, entsprang weniger einer moralphilosophischen Grundüberzeugung als der Not, in einem weiten Land ansonsten nicht genügend Untertanen zu finden. Man lockte Bürger, indem man ihnen Wahlrechte anbot.

          Doch warum wurde britischen Einwanderern Freiheit und Demokratie versprochen, während das Schicksal der afrikanischen Einwanderer die Sklaverei war? „Die Faktoren, die zur Einführung der Demokratie führten, sind dieselben, die auch zur Erfindung der amerikanischen Sklaverei führten“, heißt es in einem neuen Buch des Politikwissenschaftlers David Stasavage über „The Decline and Rise of Democracy“ (Princeton University Press). Es sind beide Male ökonomische Gründe.

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