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Hanks Welt : Hosenhalter und Zitronenfalter

Warum wir es plausibel finden, dass uns die Arbeit ausgeht

          Kürzlich waren wir im Münchner Lenbachhaus. Auf der Toilette des Museums fanden wir einen ästhetisch durchaus ansprechenden Kleiderhaken („Hosenhalter“) des Designers Jonathan Loyce aus dem Jahr 1957. Erläuternd hieß es auf einer unter dem Haken angebrachten Tafel, Loyce habe schon in den 50er Jahren die zunehmende Technisierung der Welt kritisiert. „Wenn wir nicht aufpassen, werden wir alle irgendwann durch Maschinen ersetzt.“ Loyce habe recht behalten, konstatiert die Tafel: „Heute ist der Beruf des Hosenhalters weitgehend ausgestorben.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Suche nach dem uns bis dato unbekannten Designer Loyce im Internet führte rasch zu dem Ergebnis, dass wir einer hübschen Blödelei (heute sagt man: Fake News) aufgesessen waren. Weder gab es einen Künstler namens Jonathan Loyce, schon gar nicht hat der Mann als Designer von formschönen „Hosenhaltern“ gearbeitet. Stattdessen stieß die Recherche auf einen Münchner Künstler, der sich Marius nennt und im Netz weitere amüsante sogenannte Museumsschilder postet. Das kleine Fake-Kunstwerk versteht es, die Angst der Menschen vor den Folgen des technischen Fortschritts ins Absurde zu wenden. Die Technik vernichtet am Ende sogar Berufe, die nur so heißen, als hätte es sie geben können: Hosenhalter und Zitronenfalter zum Beispiel.

          Seit vor ein paar Jahren eine Oxford-Studie um die Welt ging, die auf die Nachkommastelle errechnet haben will, dass durch Roboter und Künstliche Intelligenz 47 Prozent aller Jobs vernichtet werden, wird wieder über das Ende der Arbeitsgesellschaft geredet. Auf Einwände, man sehe in diesen Zeiten der Vollbeschäftigung vom Bäcker bis zu den Universitätsinstituten nur Schilder mit der Aufschrift „Now hiring“, also der sprichwörtlich händeringenden Suche nach Arbeitskräften, reagiert die Gemeinde der Fortschrittsängstlichen mit Abwehr. Die derzeit angespannte Lage am Arbeitsmarkt täusche gefährlich darüber hinweg, dass demnächst schnelle Autos von Robotern gefertigt, alte Menschen von Robotern gepflegt und komplexe Steuererklärungen vom Algorithmus übernommen würden. Der Hinweis, die Angst der Menschen vor der Maschine sei fast so alt wie die Menschheit selbst, verpufft: Dass etwas in der Geschichte nicht eingetreten sei, sei schließlich kein Beweis dafür, dass es nie eintreten werde, erwidert die Gemeinde. Ihre Propheten kommen mit dem Risikoforscher Nassim Taleb und dessen Truthahntheorie daher: Auch der Truthahn war der Meinung, es könne ihm nichts Schlimmes passieren, weil ihm eben noch nie etwas Schlimmes passiert sei. Das ging so lange gut, bis er am Thanksgiving-Tag geschlachtet wurde. So werde es allen gehen, die die von Robotern ausgehende Gefahr leugnen – so lange, bis sie in der Arbeitslosigkeit landen.

          Es gibt eine hartnäckige Theologie der Fortschrittsaversion, deren Stärke vor allem darin besteht, sich gegen alle Widersprüche zu immunisieren. Wenn es ziemlich verlorene Liebesmüh ist, die Gemeinde der Fortschrittsfeinde bekehren zu wollen, müsste es dann nicht wenigstens möglich sein zu ergründen, wie es kommt, dass sich die These vom arbeitsfressenden technischen Fortschritt derart hartnäckig hält, obwohl sie historisch, empirisch oder theoretisch wenig plausibel ist?

          Dazu drei Annäherungsversuche.

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