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Hanks Welt : Warum vertrauen kluge Leute einem Betrüger?

Nach zwölf Jahren Haft ist Bernard Madoff jetzt im Alter von 82 Jahren gestorben. Bild: AP

Der wohl berühmteste Anlagebetrüger, Bernie Madoff, soll seine Kunden um 65 Milliarden Dollar gebracht haben. Zum Verlust des Vermögens kommt bei ihnen oft gesellschaftliche Ächtung und Scham hinzu.

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          Es war am 11. Dezember 2008. Da erhält die in New York lebende Künstlerin und Journalistin Alexandra Penney einen Anruf von ihrer besten Freundin. „Ich hoffe, es ist nur ein Gerücht“, so die Freundin: „Ich habe gerade gehört, man habe Bernie Madoff ins Gefängnis gesteckt.“ In diesem Moment klingelt ihr anderes Telefon, an dem sich der Sohn meldet: „Setz dich hin, Mama: Madoff ist ein Betrüger.“

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bernard („Bernie“) Madoff wurde zu einer Haftstrafe von 150 Jahren verurteilt. Um 65 Milliarden Dollar soll der Mann seine Kunden gebracht haben. Viel Geld, das gar nicht da war. Es ist einer der ungeheuerlichsten, wenn nicht der größte Finanzskandal in der Wirtschaftsgeschichte. Im Vergleich mit Madoff sind die Gauner bei Wirecard blutige Anfänger, allenfalls Lehrlinge.

          Madoffs Trick ging einfach. Es ist das gute alte Ponzi-Schema, zu Deutsch „Schneeballsystem“. Mit dem Geld seiner Neukunden hat der Gauner den Altkunden die versprochene Rendite ausgezahlt. Das geht so lange gut, wie mehr Geld hereinkommt, als raus muss. Als im Zuge der Finanzkrise 2008 viele Anleger ihre Einlagen zurückhaben wollten, zeigte sich, dass der Kaiser nackt war. Nach zwölf Jahren Haft ist Madoff jetzt im Alter von 82 Jahren gestorben.

          Eine „emotionale Hölle“

          Alexandra Penney, die Künstlerin und Journalistin, hatte Madoff ihr gesamtes Vermögen anvertraut. Wie hoch die Summe war, hat sie auf Rat ihres Anwalts nie verraten. Ihren Durchbruch hatte die Frau 1981 mit dem Titel „Wie man mit einem Mann Liebe macht“ („How to make love to a man“). Das Buch stand über ein Jahr lang auf der Bestenliste der New York Times. Danach gesellte sich ein Erfolg zum anderen, was es Penney schließlich erlaubte, das Schreiben für Geld dranzugeben und sich gänzlich ihrer Kunst zu widmen. Als Madoff kollabierte, gehörten ihr ein Atelier im coolen New Yorker Viertel Soho und ein Appartement – „bescheiden“, wie sie sagt – auf Long Island am Atlantik. Dazu noch ein Cottage in West Palm Beach.

          Dass wir das alles wissen, liegt daran, dass Alexandra Penney – nicht zuletzt, weil sie jetzt Geld brauchte – auf Tina Browns Portal „The Daily Beast“ eine Artikelserie über ihre Gefühle nach dem Zusammenbruch Madoffs schrieb. Es ist unter dem Titel „The Bag Lady Papers“ als Buch veröffentlicht: „Die Papiere der Stadtstreicherin“. Was Penney erlebte, nennt sie eine „emotionale Hölle“. Sie ist gezwungen, ihre Immobilien zu verkaufen, nimmt sich eine einfache Wohnung – und fährt zum ersten Mal in ihrem Leben mit der Subway. Es gibt Schlimmeres, würden Leute sagen, die es nicht auf die Sonnenseite des Lebens verschlagen hat. Doch Absturz bleibt Absturz, die Wucht des Aufschlags wird von der Fallhöhe bestimmt. Soziologen nennen das den „sozialen Tod“: Zum Verlust des Vermögens kommt bei Alexandra Penney gesellschaftliche Ächtung und Scham.

          Intransparenz war sein Geschäftsmodell

          Über Madoff und seine Psyche ist viel geschrieben worden. Mich interessieren seine Kunden. Warum haben unzählige reiche und kluge Menschen, die in Finanzfragen gebildet sind, ihr Vermögen komplett seinem Fonds überlassen, wo doch jedes Kind weiß, dass man nicht „alle Eier in einen Korb“ legt? Warum sind sie nicht hellhörig geworden, als Madoff ihnen nicht einmal verraten wollte, wie er ihr Geld verwaltet. Wer gibt schon einem Vermögensverwalter sein Geld, der Intransparenz zu seinem Geschäftsmodell erklärt? Wiederholte Warnungen eines Whistleblowers stießen bei der Finanzaufsicht SEC auf taube Ohren. Warum?

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