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Vulkaniseur und Co. : Warum sich alte Berufe länger halten als gedacht

Ein Angestellter der Brauerei „Samuel Smith Old Brewery“ liefert Bier per Pferdekutsche an örtliche Pubs. Das Foto stammt nicht aus dem letzten Jahrhundert, sondern von Juli 2020. Bild: dpa

Innovation ist eine merkwürdige Sache. Es dauert manchmal Jahrhunderte, bis das Alte verschwunden ist. Und manchmal verläuft die Innovationsgeschichte sogar in umgekehrter Richtung.

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          Der linke Vorderreifen meines Autos verlor plötzlich Luft. Irgendwo muss ich in einen dicken Nagel gefahren sein, wie mir der Reifenhändler meines Vertrauens mitteilt. Dann werde wohl ein neuer Reifen fällig, so meine Annahme. Keinesfalls, das lasse sich flicken, sagt der Händler: Das Loch werde mit Kautschuk gefüllt, müsse dann eine gute Stunde bei großer Hitze „gebacken“ werden, dann dürfe ich wieder fahren.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In einer Welt, in der es sich noch nicht einmal lohnt, bei einem Computer den Akku auszutauschen, geschweige denn, Socken zu stopfen, werden Reifen geflickt? Meine Verwunderung war groß, mein Glück offenbar auch. Denn um so ein Loch zu stopfen, braucht die Werkstatt einen „Vulkaniseur“. Und der gehöre zu den aussterbenden Berufen, sagt mein Händler. Die jungen Leute hätten das Interesse daran verloren, lange Ausbildungszeiten, bescheidenes Gehalt, viel üble Chemie: „Vulkanisieren bedeutet die Be- und Verarbeitung von Kautschuk, der mit Schwefel vermischt und erhitzt wird“, wie es in der offiziellen Beschreibung der Bundesagentur für Arbeit heißt. Kann ich gut verstehen, dass die Ausbildungszahlen rückläufig sind. Wenn schon Auto, dann lieber Mechatroniker oder so was, um bei AMG einen flotten Mercedes aufzubrezeln oder Kunden von Ferrari zu umschwärmen. Aber Löcher mit Kautschuk und Schwefel stopfen?

          Tatsächlich verschwinden ständig Berufe. Der Vulkaniseur steht noch nicht einmal ganz oben auf der Liste der gefährdeten Berufe: Glockengießer, Kunststopferinnen, Betonstein- und Terrazzoherstellerinnen oder Dachdecker der Fachrichtung Reetdach-Technik werden noch schneller aus unserem Alltag verschwinden. Mein Onkel Hugo war in den sechziger Jahren Bankschalterbeamter bei der Dresdner Bank in Stuttgart. Seine wichtigste Aufgabe war es, Geld zu zählen, das ihm die Kunden brachten, damit es auf ihr Konto kommen kann. Onkel Hugo hatte einen Fingerhut aus Gummi (rot oder grün mit kleinen Noppen), um sicher zu sein, dass ihm nicht aus Versehen zwei Hundertmarkscheine für einen durchgingen. Bei Amazon gibt es diese Fingerhüte heute noch, das Zehnerset für 10 Euro 30.

          Ich habe mir Onkel Hugos Tätigkeit immer todlangweilig vorgestellt, er selbst war zufrieden. Von der Rückkehr aus dem Krieg bis zur Pensionierung irgendwann in den siebziger Jahren ist er seinem Beruf treu geblieben. Geldzähler braucht es schon lange nicht mehr, das wurde automatisiert. Und wenn irgendwann das Bargeld ganz verschwindet, braucht es diese Maschinen nicht mehr.

          Die „Sekretärin“ wird zur „Assistentin“ aufgewertet

          Vom Aussterben bedrohte Berufe sind ein guter Anlass, über den Fortschritt nachzudenken. Geht es gut, lässt sich der alte Beruf mit neuen Anforderungen anreichern; Arbeitsmarktexperten nennen das „Substituierbarkeitspotential“: Die „Sekretärin“ braucht heute keine Steno-Kenntnisse, weil der Vorgesetzte nicht mehr „zum Diktat“ ruft. Stattdessen wurde der Beruf zur „Assistentin“ aufgewertet und ihr oder ihm die Büroorganisation übertragen. Irgendjemand muss die Zoom-Konferenzen ja hosten, was – so hört man – ältere Chefs nur schwer packen.

          Doch nicht immer lässt der technische Fortschritt sich so leicht und noch dazu mit Prestigegewinn abfedern. Vor ein paar Jahren hatte uns eine Studie der Oxford-Wissenschaftler Frey und Osborne aufgeschreckt, die – vergröbert – prognostizierten, die Digitalisierung werde jeden zweiten Arbeitsplatz – und darunter eine ganze Reihe anspruchsvoller Tätigkeiten – vernichten. Die Steuererklärung eines mittelständischen Unternehmens wie die Baufinanzierung eines durchschnittlichen Bauherrn übernimmt der Algorithmus schneller, zuverlässiger und kostengünstiger als der Mensch.

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