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Hanks Welt : Das liebe Jesulein

Warum die Finanzkrise jetzt auch noch am Rechtspopulismus schuld sein soll.

          Der zehnte Jahrestag der Finanzkrise verlief einigermaßen unspektakulär. Neben der großen Aufregung über einen nachgeordneten Verfassungsschutzpräsidenten schaffte es die Lehman-Pleite allenfalls bis knapp unter die Aufmerksamkeitsschwelle. Das ist verwunderlich, war doch vor zehn Jahren kein Vergleich apokalyptisch genug, es musste mindestens die Weltwirtschaftskrise von 1929 sein, um die Größenordnung zu zeigen. Neigen Zeitgenossen zur Übertreibung der Bedeutung von Ereignissen, die sie erleben?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einer der großen Entdramatisierer ist der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg. Er sprach schon 2008, als alle noch auf Weltuntergang gepolt waren, von einer ganz normalen Rezession, die sich nicht dazu eigne, den Untergang des Kapitalismus oder das Versagen des Neoliberalismus daraus abzuleiten. Frech hatte Homburg in einem F.A.S.-Interview kundgetan: „Ich habe in den letzten Wochen ordentlich Aktien gekauft und schlafe ausgezeichnet.“ Heute sagt er nicht ohne Selbstzufriedenheit, er habe finanziell ausgesorgt: Aus Interesse am Geld sei es für ihn nicht mehr nötig, Vorlesungen zu halten. Tatsächlich notierte der Dax zur Jahreswende 2008/2009 bei 4800 Zählern. Heute pendelt er um die 12 300 Punkte, und Homburgs Aktienpaket ist gut zweieinhalbmal so viel wert wie damals.

          Die Spekulation des Finanzprofessors ist aufgegangen. Aber auch die zugrundeliegende Theorie: Was wir die große Finanzkrise nennen, war in Wirklichkeit nicht mehr als eine vorübergehende Rezession. Bloß dass damals eben alle verrücktgespielt haben. Okay, das Wachstum in Deutschland ist im Jahr 2009 erstmals in der Nachkriegsgeschichte um fast sechs Prozent eingebrochen. Doch schon ein Jahr später wurde alles wieder positiv. Auch sonst gibt es ökonomisch gesehen hierzulande wenig zu maulen: Die Industrie freut sich über ihre Exporterfolge. Die Beschäftigung ist so gut, dass die Regierung die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung senken kann. Die Ungleichheit zwischen den Armen und den Reichen wird schon seit 2005 nicht mehr größer. Die Zufriedenheit der Deutschen ist so groß wie selten zuvor.

          Die Lehman-Bilanz könnte also ganz nüchtern ausfallen: Fürchtet euch nicht; die Meldungen über das Ableben des Kapitalismus waren verfrüht. Wer immer will, mag sich des Erfolges rühmen, seien es die Notenbanker, die Finanzpolitiker – oder einfach die vielen Menschen, die durch die Krise die Lust am Konsumieren verloren haben und die Wirtschaft am Laufen hielten.

          Weil aber positive Geschichten langweilig sind, findet seit geraumer Zeit eine verstörende These viele Nachplapperer: Die Finanzkrise sei schuld am Erstarken des Populismus. Ökonomisch ungefährlich, politisch dafür brandgefährlich, so rufen die neuen Dramatisierer. Jetzt haben die gierigen Banker also auch noch Gauland, Le Pen und Orbán groß werden lassen. Das erinnert uns an einen alten Witz aus dem Religionsunterricht. Was das sei, will der Lehrer wissen: „Es ist klein, braun, flink und hüpft von Baum zu Baum.“ Der Schüler antwortet: „Eigentlich würde ich sagen, es ist ein Eichhörnchen, aber wie ich den Laden hier so kenne, ist es bestimmt wieder das liebe Jesulein.“ Eigentlich würde man denken, AfD und Co. seien durch eklatantes Staatsversagen in der Euro- und Flüchtlingskrise hochgekommen. Doch wie wir den Laden so kennen, ist am Ende des Tages wieder der entfesselte Finanzkapitalismus an allem schuld.

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