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Hanks Welt : Da Vinci und der Kapitalismus

Rainer Hank Bild: F.A.Z.

Kunst solle nicht wie andere Waren gehandelt werden, heißt es oft. Das Gegenteil ist richtig: Der Kunstmarkt ist die Urform der Marktwirtschaft. Deshalb darf ein Gemälde durchaus 450 Millionen Dollar kosten.

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          Paris bereitet sich auf Leonardo da Vinci vor. Vom 24. Oktober an wird im Louvre eine Gesamtschau des „genialen Künstlers mit den vielen Talenten“ zu sehen sein, wie es in der Werbung dafür heißt. Doch der teuerste Leonardo wird in der Ausstellung nicht zu bewundern sein. Nein, es handelt sich nicht um die Mona Lisa – die ist ja schon im Louvre. Es dreht sich um ein Gemälde mit dem Titel „Salvator mundi“, welches Jesus mit verklärtem Blick als Erlöser der Welt und Herrscher über den Kosmos zeigt.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Salvator mundi“ ist nicht nur der teuerste Leonardo, es ist sogar das weltweit teuerste Gemälde überhaupt, für das zuletzt im November 2017 der schwindelerregende Preis von 450 Millionen Dollar gezahlt wurde – obwohl die Gelehrten streiten, ob es überhaupt von Leonardo stammt. Niemand weiß genau, wo sich das Gemälde derzeit aufhält. Kann ein einziges Gemälde 450 Millionen Dollar wert sein, dessen Provenienz noch dazu zweifelhaft ist?

          Auf dem Kunstmarkt herrschen eben eigene Gesetze, heißt es gerne. Ich will hier eine entgegengesetzte These vertreten: Der Kunstmarkt ist quasi die Urform der Marktwirtschaft.

          Millionengewinn ohne allzu große Mühe

          Für alle, die die Geschichte von „Salvator mundi“ nicht mitbekommen haben – eine Geschichte, die das Zeug zum großen Thriller oder zum Märchen aus Tausendundeiner Nacht hat –, hier eine Zusammenfassung: Sie beginnt am 5. März 2008, als dem Oxford-Kunsthistoriker und Leonardo-Spezialisten Martin Kemp das Gemälde eines bislang unbedeutenden alten Meisters gezeigt wird. Kemp ist elektrisiert, sagt später, er habe sich gefühlt „wie in der Gegenwart der Mona Lisa“, und ist sich alsbald sicher, dass es sich um ein Original von Leonardo handelt.

          Die „Entdeckung“ eines Leonardos wirkte als Ausweitung des Angebots auf einem starren Markt. Das Geld der Reichen brauchte sozusagen Frischfleisch. Postwendend ging der Preis durch die Decke. Im Jahr 1956 war „Salvator mundi“ noch für 45 britische Pfund zu haben. Doch schon im Jahr 2013 musste ein schillernder Kunstberater und Händler in Genf dafür 80 Millionen Dollar auf den Tisch legen, was freilich nicht zu seinem Schaden war, denn er drehte es alsbald einem russischen Oligarchen und Sammler für 127,5 Millionen Dollar an. Nicht schlecht: Ein Gewinn von 50 Millionen Dollar mit einem einzigen Produkt und ohne allzu große Mühe.

          Paläste des globalen Kunst-Kapitalismus

          Seit der Oligarch von dieser märchenhaften Marge seines Beraters Wind bekommen hat, sind die Herren nicht mehr so gut befreundet. Doch auch der Oligarch brauchte sich nicht zu beklagen, als er vier Jahre später beschloss, das Werk bei Christie’s versteigern zu lassen. Ein saudischer Prinz war bereit, die schon genannte Summe von 450 Millionen Dollar zu bezahlen. Danach verwischen sich die Spuren: Heute soll das Gemälde im Besitz des Kronprinzen von Abu Dhabi sein, der es im vergangenen Herbst feierlich in seinem dortigen Louvre-Ableger präsentieren wollte. Dazu ist es nicht gekommen.

          Gesehen hat das Bild schon lange niemand mehr. Es soll sich in einem sogenannten Freihafen in Genf befinden. Diese Zollfreilager sind aufregende Paläste des globalen Kunst-Kapitalismus, für den gemeinen Mann unzugängliche Museen der Superreichen. Ursprünglich waren sie für den Transithandel gedacht. Heute sind es Lagerhäuser, in denen Güter aufbewahrt werden, ohne dass Zollgebühren oder Mehrwertsteuern bezahlt werden müssen. Oft werden Kunstwerke dort jahrelang eingelagert, wobei sie mehrmals den Besitzer wechseln. Wie viele Hunderte Millionen Dollar an Wert sich da summieren, weiß niemand.

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