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Hanks Welt : Mythen und Mediziner

Kambodscha, Phnom Penh: Eine Schülerin läuft durch eine Desinfektionsdusche in der Schule. Die Schulen in Kambodscha wurden am Montag (7.9.2020) nach einer sechsmonatigen Schließung wegen der Covid-19-Pandemie wiedereröffnet. Bild: dpa

Es sieht derzeit ganz danach aus, als ob wir dabei wären, einen vernünftigen Umgang mit Corona zu erlernen. Denn: Viel wahrscheinlicher, als an Corona zu sterben, ist es, bei Ski- oder Motorradunfällen ums Leben zu kommen.

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          Die greise Mutter eines Freundes hat sich – kurze Zeit nach Ausbruch der Corona-Pandemie – ihre Patientenverfügung noch einmal vorgenommen. Darin hatte sie eigentlich verfügt, dass sie keine lebensverlängernden medizinischen Maßnahmen wünsche. An diesem Grundsatz wollte die bald neunzigjährige Dame auch festhalten – es sei denn, bei der Krankheit handele es sich um Corona: In diesem Fall, so ihre Korrektur, sollten die Ärzte alles in ihrer Macht Stehende tun, um sie am Leben zu erhalten.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich habe viel über diese Geschichte nachgedacht. Die Frau hat keine Erklärungshilfe für ihr Verhalten gegeben, so dass die Phantasie freie Bahn hat. Wo wir – je älter, umso wahrscheinlicher – doch ohnehin sterben müssen, könnte es uns doch eigentlich egal sein, woran wir sterben? Man kann den Gedanken ins Absurde treiben: Wäre die Frau im April an einem plötzlichen Herzversagen gestorben, wäre für sie alles „in Ordnung“ gewesen. Wäre sie am selben Tag aber „an oder mit“ Corona gestorben, wäre aus ihrer Sicht etwas schiefgelaufen.

          Offenbar ist es nicht so, dass wir dem Tod Pleinpouvoir, freie Wahl, geben, wie er uns aus dem Leben holt. Mit den „normalen“ Todesursachen ist zu rechnen. Mit Corona nicht: dass wir einmal an dieser Seuche sterben könnten, wie im Mittelalter die Menschen an der Pest, hat uns vorher keiner gesagt. Gerade das könnte der Grund sein, warum die alte Dame hier nun eine Ausnahme zu machen fordert: Corona lassen wir nicht als Todesurteil zu.

          Womöglich hilft zum Verstehen dieser Merkwürdigkeit der große amerikanische Ökonom Frank H. Knight (1885 bis 1972). Von ihm stammt die Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicherheit, zwei Begriffe, die wir umgangssprachlich gerne synonym gebrauchen. Knight, Mitbegründer der Chicago-Schule des Liberalismus, hat 1916 an der Cornell Universität eine Dissertation eingereicht, die den Titel trug „Risk, Uncertainty and Profit“, mit der er weltberühmt werden sollte.

          Policen gegen Terroranschläge

          Der springende Punkt dabei: Risiken lassen sich berechnen, weil dem Eintreten bestimmter Ereignisse eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet werden kann. Im Falle von Unsicherheiten sind uns hingegen keine Wahrscheinlichkeiten bekannt. Risiken kommen typischerweise etwa bei Glücksspielen vor, aber auch bei Versicherungsfällen oder dort, wo wiederholbare Zufallsexperimente die Schätzung von Wahrscheinlichkeiten zulassen. Unmittelbar nach 9/11 hatte ich den damaligen Chef des Versicherungskonzerns Allianz, Henning Schulte-Noelle, gefragt, ob es bei der Allianz künftig Policen gegen Terroranschläge zu kaufen gäbe.

          Nüchtern, wie Versicherungsleute sein müssen, gab er zur Antwort, dass sei – noch – nicht möglich, weil Kenntnisse über Frequenz und Größenordnung solcher Terrorangriffe fehlten, was jede vernünftige Risikokalkulation vereiteln und zu einer willkürlichen Wette machen würde. Der Terror, so Schulte-Noelle, konfrontiere die Menschheit „mit einer völlig neuen Dimension“ von Schrecken: Unsicherheit in ein berechenbares Risiko zu wandeln werde deshalb leider erst im Wiederholungsfall möglich.

          Unsicherheit löst Angst aus, das Risiko ermöglicht rationale Vorsorge: Alles, was versicherbar ist, ist dergestalt sicher, dass es eine Kompensation für den entstandenen Schaden gibt, welche uns hilft, trotz des Unglücks weiterzuleben. Unsicherheit dagegen führt zu irrationalem Verhalten.

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