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Hanks Welt : Mythen und Mediziner

Weil wir das Risiko nicht kennen, verhalten wir uns falsch: Nach dem 11. September 2001 weigerten sich viele Leute, ein Flugzeug zu besteigen, weil sie Angst vor einem Terroranschlag hatten. Lieber legten sie lange Strecken mit dem Auto zurück. Ganz falsch, wie wir im Rückblick wissen: In den zwölf Monaten nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center waren etwa 1600 Amerikaner über dem jährlichen Sterblichkeitsdurchschnitt auf den Straßen verunglückt: „Menschen, die von Angst getrieben handeln – oder auch nicht handeln, bringen sich oft zusätzlich in Gefahr“, sagt der Risikoforscher Gerd Gigerenzer. In den vergangenen fast zwanzig Jahren haben wir gelernt, mit dem Terror zu leben. Wir steigen (bis Corona) wieder in Flugzeuge und sind bereit, für unsere Sicherheit einen Preis zu zahlen: Kontrollen mit Leibesvisitation durch die Security.

18 Infektionen je eine Million Einwohner

Zum Glück sieht es ganz danach aus, als ob wir jetzt auch dabei wären, einen vernünftigen Umgang mit Corona zu erlernen – allen gefährlichen Irrationalismen bei den sogenannten Corona-Demonstrationen zum Trotz. Am Anfang standen die schrecklichen Fernsehbilder aus Bergamo, die die Angst auslösten, bald willkürlich von der Seuche dahingerafft zu werden. Dem folgte der totale Stillstand des zivilen, politischen und wirtschaftlichen Lebens auf nahezu der ganzen Welt, einerlei, wie hoch oder niedrig die Infektionsrisiken waren. Mit Frank H. Knight kann man sagen: Es war die Situation einer diffusen und ängstigenden Unsicherheit, die noch wenig über die Corona-Risiken wusste.

Inzwischen haben wir alle unsere Erfahrungen gemacht auf dem zivilisatorischen Weg, Unsicherheiten in Risiken zu wandeln. Wir wissen zum Beispiel, dass das Infektionsrisiko mit dem Alter korreliert – gemäß der Regel: je älter, desto krankheitsgefährdeter (was bekanntlich nicht heißt, dass jüngere Menschen immun wären). Wir wissen auch, dass die Wahrscheinlichkeit zu erkranken nicht nur vom Alter abhängt, sondern auch vom Ort auf der Welt, an dem wir leben. In Südkorea ist die Gefahr, sich anzustecken, deutlich geringer als in Großbritannien, wo es wiederum relativ sicherer ist im Vergleich mit der Corona-Gefahr in den Vereinigten Staaten.

Mit den (mit Unsicherheit behafteten) Daten dieses Corona-Wissens hat der Ökonom Tim Harford („The Undercover Economist“) am vergangenen Wochenende in der „Financial Times“ den lohnenden Versuch gemacht, einen „Survival Guide“ für Corona-Zeiten zu erstellen, der Risiken bezifferbar macht. Das geht so: Derzeit infizieren sich im Vereinigten Königreich täglich im Schnitt 44 Menschen, bezogen auf eine Million Einwohner. Das wiederum bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit zu erkranken dort derzeit 44 zu einer Million ist. In den Vereinigten Staaten ist dieses Risiko zehnmal höher als in Großbritannien, während es in Deutschland mit 18 zu einer Million deutlich geringer ist. Deutlich geringer als in Großbritannien ist in Deutschland auch das Risiko, an Corona zu sterben.

Ängstigungsrhetorik gewisser Staatsvirologen

Das Ifo-Institut hat (Stand Ende Mai) auf der Basis von Daten des Statistischen Bundesamts hierzulande keine Übersterblichkeit (weder in der Bevölkerung insgesamt noch für die meisten Altersgruppen) erkennen können. Viel wahrscheinlicher, als an Corona zu sterben, ist es, bei Ski- oder Motorradunfällen ums Leben zu kommen. Doch Menschen neigen dazu, die Gefahren bekannten Verhaltens zu unterschätzen, während ihnen das Neue übergroße Angst macht.

Solche Überlegungen dienen gerade nicht dazu, die Seuche zu verharmlosen. Im Gegenteil: Nachdem Corona uns gelehrt hat, die Illusion der Gewissheit zu verabschieden, geht es jetzt darum, Ungewissheit in rationale Risikokalküle zu wandeln. Das imprägniert gegen die rabiate Irrationalität der Verschwörungstheoretiker ebenso wie gegen Ängstigungsrhetorik gewisser Staatsvirologen.

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