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Hanks Welt : Wettlauf der Opfer

Demonstrantin im amerikanischen Bundesstaat Atlanta Bild: dpa

Entscheidend ist, was einer sagt, ob es ein gutes Argument ist. Einerlei ist, wer es sagt: ob jung, alt, gebildet, schwul, männlich oder schwarz.

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          Beginnen wir mit General Motors. Emma DeGraffenreid, eine schwarze Frau, hatte 1976 in St. Louis gemeinsam mit vier anderen schwarzen Frauen ihren früheren Arbeitgeber General Motors wegen Diskriminierung verklagt. Die Frauen beklagten, dass es bei General Motors Praxis sei, am Fließband ausschließlich Männer und als Sekretärinnen ausschließlich Frauen zu beschäftigen. Während für die Männerjobs auch schwarze Männer genommen wurden, waren als Sekretärinnen ausschließlich weiße Frauen beschäftigt. Schwarze Frauen hatten somit keine Chance.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Gericht lehnte die Klage ab. Die Richter wollten nicht anerkennen, dass Menschen gleichzeitig wegen Geschlecht und Hautfarbe diskriminiert wurden. Die Frauen sollten sich entscheiden, ob sie gegen Diskriminierung wegen Geschlecht oder wegen Hautfarbe klagen wollten, eine Kombination von beidem sei nicht möglich. Damit freilich waren die Frauen in der Falle und hatten bei den Richtern verloren: Dass General Motors nicht nach Hautfarbe diskriminiere, sehe man daran, dass schwarze Männer am Fließband arbeiteten. Dass es in der Einstellungspolitik keinen Sexismus gebe, könne man daran erkennen, dass bei General Motors viele Frauen als Sekretärinnen arbeiteten.

          Der Fall General Motors ist eine Schlüsselszene in einer berühmt gewordenen Studie der amerikanischen Juraprofessorin Kimberlé Crenshaw aus dem Jahr 1989. Darin hat sie eine Kritik sowohl von Antirassismus wie auch weißem Feminismus entwickelt. Was an dem Fall besonders interessant ist: Es gibt keinen Begriff für die doppelt diskriminierende Erfahrung der Frauen. Wo es aber keinen Begriff gibt, gibt es auch keinen juristischen Sachverhalt, der den Richtern als Anspruchsgrundlage dienen und den Frauen zu ihrem Recht verhelfen könnte.

          Schwarze Frauen machten also die Erfahrung von Diskriminierung, die weder schwarze Männer noch weiße Frauen nachvollziehen konnten. Kimberlé Crenshaw erfand dafür den Begriff „Intersektionalität“. Das klingt sperrig und bedeutet „Schnittmenge“ oder „Kreuzung“, also das Aufeinandertreffen zweier oder mehrerer Diskriminierungsstrukturen (Ethnie, Klasse, Geschlecht).

          Diskriminierungsolympiaden münden in die Stammesgesellschaft

          Der Fall General Motors macht auf Formen von Ungleichheit aufmerksam, die herkömmlich nicht vorgesehen sind: Herkömmlich geht es etwa um Einkommens- oder Bildungsungleichheiten in einer Klassengesellschaft, die sich je nach politischem Standpunkt durch Revolution, Umverteilung oder Wettbewerb abtragen lassen. Der heutigen sogenannten Identitätspolitik geht es dagegen auch um komplexe „hermeneutische Ungerechtigkeiten“, Erfahrungen, für die erst einmal ein Name gefunden werden muss.

          Ein Beispiel: Als es den Begriff „sexual harassment“ (sexuelle Belästigung) noch nicht gab, ließen sich ungewollte Annäherungen eines Mannes von Frauen lediglich als „Flirt“ oder gar „Kompliment“ verstehen. Im Falle von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz brauchte der belästigende Chef sich keiner Schuld bewusst zu sein – während die belästigte Angestellte das Geschehene lediglich diffus verstehen konnte. Sie blieb schutzlos, solange es kein Wort für den Übergriff gab. Damit war die Erfahrung gleichsam nicht existent. „Hermeneutische Ungerechtigkeit“ meint – ganz im Sinne Stefan Georges –, dass „kein Ding sei, wo das Wort gebricht“. Erst wenn sie benannt ist, hat eine Erfahrung die Chance, Gehör zu finden.

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