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Kolumne: Hanks Welt : Schützt den Mieter, aber richtig!

Verteilung der Wohnungen wird ungerechter

Zugleich macht ein Mietdeckel es weniger attraktiv, neue Wohnungen zu bauen, weil Anlagealternativen (etwa der Aktienmarkt) relativ attraktiver werden. Und, nebenbei gesagt, leidet auch die Qualität der vorhandenen Wohnungen, weil es für die Besitzer keinen finanziellen Anreiz gibt, sie zu modernisieren, wenn sie die Verbesserung nicht wenigstens teilweise an die Mieter überwälzen dürfen.

Nicht genug, dass die Wohnungsnot mit einem Mietdeckel zwingend schlimmer werden muss, auch die Verteilung der Wohnungen wird ungerechter. Wenn der Preis nicht den Zuschlag gibt, müssen dubiose Mechanismus die knappen Wohnungen rationieren. Josef Simon, einer meiner Tübinger Philosophielehrer, hat in diesem Zusammenhang immer eine kleine Geschichte erzählt. Die Geschichte spielt in der deutschen Nachkriegszeit, als Wohnungen staatlich bewirtschaftet wurden und Männer noch Hüte trugen. Damals also lüpft ein Mann vor einem entgegenkommenden anderen Mann seinen Hut und sein Begleiter will wissen, warum er diesen Mann grüßt.

Die Antwort: „Das ist der Leiter des Wohnungsamtes.“ Die Antwort befriedigt nur dann, wenn man weiß, dass damals der Leiter des Wohnungsamtes alle Macht über die Vergabe von Wohnungen hatte und man sich tunlichst mit einem derart mächtigen Mann gut stellen sollte, wenn man eine Wohnung suchte. Mein Lehrer Simon leitete daraus übrigens eine mich bis heute überzeugende philosophische Definition der Kausalität ab: „Ein Grund ist die befriedigende Antwort auf die Frage Warum.“

Wiener Mietadel

In Wien führt das Ausschalten von Preisen am Wohnungsmarkt dazu, dass man jemanden kennen muss, der wichtig ist, am besten jemanden „in der Partei“. Man sollte den Berliner und Frankfurter Wohnungssuchenden jetzt schon empfehlen, sich rechtzeitig Freunde in der linken Stadtverwaltung zu suchen. Sozial ist das alles nun wirklich nicht, weil – in Wien und anderswo – gar nicht die wirklich Bedürftigen ein Dach über den Kopf bekommen, sondern etablierte Gutverdiener, die vielleicht vor Jahren einmal bedürftig waren, jetzt aber gerne für ihren preiswerten Wohnraum eine Fehlbelegungsabgabe zahlen – wenn überhaupt.

Alle anderen aber müssen draußen bleiben, finden keine oder nur eine sehr teure Wohnung. Denn der Mieterschutz schafft Anreize für die glücklichen Insider, die billige Wohnung nie mehr zu verlassen, selbst wenn man im Alter womöglich gar nicht mehr 300 Quadratmeter benötigt. Ökonomisch sinnvoll ist das nicht, gerecht auch nicht: denn da hätte eine Großfamilie Platz. Preise könnten deshalb auch keine spezifischen Signale senden, ob gerade kleine Appartements oder mittelgroße Wohnungen gesucht werden. Das führt dazu, dass immer die falschen Wohnungen gebaut werden.

Es wird nämlich so gebaut, als ob die vorhandenen Wohnungen für die neu zu behausende Bevölkerung auf keinen Fall in Betracht kämen. Denn dort zieht ja keiner aus. In Wien hat sich seit hundert Jahren ein Mietadel herausgebildet: Dort werden günstige Wohnungen innerhalb der Generationen weitervererbt. Über Untervermietung nicht benötigten Raums lässt sich die günstige Miete sogar noch weiter drücken.

Ist das nun alles „hartherziger“ Neoliberalismus? Nein. Ein Kausalzusammenhang besteht entweder oder er besteht nicht, einerlei, ob wir ihn als grausam empfinden oder nicht. „Herzlos“ sind in Wirklichkeit jene Politiker, die sich den ungerechten Folgen ihrer Marktinterventionen verschließen. Sie schaden denen, denen zu nützen sie vorgeben. Wien ist kein Vorbild, weder für Rechte noch für Linke.

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