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Hanks Welt : Bloß kein Europa-Rausch!

Bild: F.A.Z.

Der Autor Robert Menasse hat ein Zitat gefälscht. Er mag das nicht absichtlich gemacht haben, dennoch steckt dahinter System. Einen europäischen Supranationalstaat infrage zu stellen kann man indes auch, ohne böser Nationalist zu sein.

          Aus gegebenem Anlass haben wir jetzt noch einmal einen Artikel nachgelesen, der am 24. März 2013 unter dem Titel „Es lebe die europäische Republik“ im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen ist. Die Autoren des Artikels, der preisgekrönte Schriftsteller Robert Menasse und die Politologin Ulrike Guérot, fordern darin, man solle endlich auf die Träumer hören: „Denn die Träumer sind die wahren Realisten. Sie retten Europa und die Demokratie.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit den Träumern meinen die Autoren sich selbst, die sie die Welt von ihrer Utopie einer geeinten europäischen Republik begeistern wollen, wo man keine einzelnen Nationen mehr kennt. Anstatt „in Nationen, die gegeneinander konkurrieren“, organisiert zu sein, gibt es künftig „keine nationalen Interessen, es gibt menschliche Interessen, und diese sind im Alentejo keine anderen als in Hessen“. Zur Beglaubigung ihres Traumes zitieren die Autoren Walter Hallstein (1901–1982), den ersten Vorsitzenden der Kommission der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, mit dem Satz: „Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee.“

          Dieser Satz aus dem F.A.S.-Artikel hat inzwischen eine Riesendebatte entfacht. Das Hallstein-Zitat, das die beiden Autoren später auch in andere Texte montiert haben, ist falsch. Das hat als Erster der Historiker Heinrich August Winkler in einem Essay im „Spiegel“ im Herbst 2017 nachgewiesen. Es ist, so Winkler, nicht nur falsch, es entspricht auch dem Sinn nach nicht der Intention Hallsteins. Dieser sei gegen einen „europäischen Supranationalstaat“ gewesen, habe stattdessen dafür plädiert, die „Kraftquellen der Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen“.

          Auch dass Hallstein 1958 seine europäische Antrittsrede auf dem Gelände des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz gehalten habe, wie Menasse behauptet, erwies sich bei genauer Prüfung als unzutreffend. Die Behauptung ist nicht nur falsch, sie ist auch „undenkbar“, wie die Friedenspreisträgerin des Jahres 2018, Aleida Assmann, zeigt: „Was wir heute nicht mehr verstehen, aber anerkennen müssen, ist, dass in den ersten vier Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg von der Ermordung der europäischen Juden auf der politischen Bühne nicht die Rede war.“ Teil der gemeinsamen europäischen Erinnerung wurde Auschwitz durch die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“, die derzeit wieder in den dritten Programmen gezeigt wird. Unmittelbar nach dem Krieg hingegen ging es weniger darum, der Verbrechen zu gedenken, als sie zu vergessen. Die Europa-Idee spiegelte in diesem Punkt den Zeitgeist. Und sie war vorbereitet: Die Nazis selbst hatten seit 1940 unter der deutschen Bevölkerung einen wahren „Europa-Rausch“ (Ulrich Herbert) entfacht. Die „Sakralisierung Europas“ (Hans Joas) hat schon vor 1945 begonnen.

          Das alles muss man wissen, um der „Causa Menasse“ ihre poetologische Unschuld zu nehmen und zum politökonomischen Kern der Debatte vorzustoßen. Als ob es nur um lasches Zitieren und löchrige Erinnerungen gehe, wie Robert Menasse und seine ihm sekundierende Schwester Eva glauben machen wollen. Verkürzt gesagt, rechtfertigt Menasse sich jetzt mit dem Argument, das Wort von der „Abschaffung der Nation“ sei wörtlich bei Hallstein nicht gefallen, hätte sinngemäß aber fallen können. Und eine Hallstein-Rede sei in Auschwitz zwar nie gehalten worden, hätte aber dort gehalten werden können. Das soll heißen: Was ändern solche Nachlässigkeiten an der guten Sache des Kampfes für eine „europäische Republik“?

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