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Hanks Welt : Was uns Zigarren lehren

Wer Zigarre raucht, zeigt mehr über sich, als nur ein Raucher zu sein. Bild: ddp

Von Winston Churchill bis Gerhard Schröder: Wer was raucht, sagt mehr aus, als wir denken. Hier kommt eine kleine Soziologie des Blauen Dunstes.

          4 Min.

          Am Ende der dritten Folge der neuen Staffel von „The Crown“, jenem wunderbaren Epos über Königin Elisabeth II., gibt es eine im Jahr 1966 spielende Szene, in welcher der damalige Premierminister Harold Wilson seiner Königin ein persönliches Bekenntnis macht. Wilson, Vorsitzender der Labour Party, erklärt der staunenden Königin, wie fremd er sich als Arbeiterführer fühle: Er, der Oxford-Absolvent, der nie mit eigenen Händen gearbeitet habe, gesteht, lieber Brandy als Bier zu trinken, Wildlachs Dosenlachs vorzuziehen, Chateaubriand mehr zu schätzen als Rindfleischpastete und, dann kommt es, lieber Zigarre als Pfeife zu rauchen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dazu muss man wissen: Wilsons Markenzeichen war die Pfeife. Es ist schwer, Fotos zu finden, die ihn ohne Pfeife zeigen. Wilson rauchte im Kabinett und bei öffentlichen Auftritten. Wilson hatte seine Pfeife praktisch immer bei sich.

          Wenn er Interviews gab und ihm auf eine Frage spontan keine Antwort einfiel, holte er erst einmal ein Streichholz, um den Pfeifentabak neu anzuzünden und sich damit Nachdenkzeit zu erkaufen. Sein überraschendes Bekenntnis gegenüber der Queen, für dessen Wahrheitsgehalt es historische Zeugen gibt, lautet nun: „Zigarren sind ein Symbol kapitalistischer Privilegien.“ Und ein Arbeiterführer, der sich mit kapitalistischen Insignien schmückt, das geht nun einmal gar nicht.

          Gegenmodell zu Churchill

          Mit der Pfeife, so Wilson, werde er „nahbar“, „liebenswert“, gemocht vom Volk. Das hat einen Preis: „Man kann sich nicht selbst treu bleiben und gleichwohl jedem gerecht werden.“ Wilson zahlte diesen Preis, Zigarre rauchen und Brandy trinken erlaubte er sich nur privat, wenn keiner zusah.

          Heute, in Zeiten, in denen öffentliches Rauchen, weil verboten, quasi nicht mehr vorkommt, muss man sich erst wieder in diese andere Zeit des 20. Jahrhunderts zurückversetzen, um ein Gespür für die qualmenden Requisiten einer Klassengesellschaft zu bekommen. Denn natürlich inszeniert sich Wilson als Gegenmodell zu einem der bekanntesten Zigarrenraucher der Weltgeschichte, Winston Churchill.

          Churchill, ein Konservativer, der aus einer der aristokratischsten Familien Großbritanniens stammte, wurde praktisch nie ohne Zigarre (Marke „Romeo y Julieta“ oder „La Aroma de Cuba“) gesehen. Zigarre und Scotch begleiteten ihn von den frühen Morgenstunden an: Auf zehn Zigarren brachte er es im Schnitt am Tag, rauchte praktisch ununterbrochen während der Arbeit, während der Mahlzeiten, während der Kabinettssitzungen.

          Einer seiner Butler notierte, Churchill vermöge es, in nur zwei Tagen den Gegenwert seines Wochenlohns zu Asche zu verwandeln. Churchill selbst war der Ansicht, das Zigarrerauchen tue seinen Nerven gut. In aufgeheizten Situationen ruhig und höflich zu bleiben, verdanke er „the goddess Nicotine“, seiner Göttin Nikotin. Churchill wurde 90 Jahre alt.

          Pfeifentabak ist billiger

          Pfeife oder Zigarre – es sind jene feinen Distinktionsmerkmale von Klasse und Habitus, welche den Reiz der Zivilisation ausmachen. Der Arbeiterführer raucht Pfeife; der Großbürger und Aristokrat hingegen raucht Zigarre. Es ist kaum zu vermuten, dass Churchill lieber Pfeife geraucht hätte. Die gesellschaftlichen Aspirationen gehen von unten nach oben, nicht umgekehrt.

          Wie es zur sozialen Klassentrennung zwischen Pfeife und Zigarre kam, ist nicht mit Sicherheit auszumachen. Gewiss, Pfeifentabak ist billiger als Cohibas oder eine Davidoff, auch wenn man natürlich – wie mein Onkel Hugo in den fünfziger Jahren – seine „Villiger Stumpen“ schon für 30 Pfennig bekommen konnte. Der Pfeifenraucher wirkt eher väterlich. Der Konsument („Aficionado“) teurer Zigarren inszeniert sich dagegen männlich potent, so dass selbst Sigmund Freud sich veranlasst sah zu beschwichtigen: „Manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre.“

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