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Hanks Welt : Warum jeder glaubt, Recht zu haben

Fahrräder sind besser sind als SUVs – das steht für die Teilnehmer dieser Demo in Freiburg fest. Bild: Imago

Insbesondere Grüne und Liberale vertragen sich einfach nicht, vor allem wenn es um Klima, Corona oder den Kapitalismus geht. Woran liegt das? Eine Anleitung zur Rechthaberei.

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          Eine Freundin beschwert sich regelmäßig darüber, dass andere ihr Rechthaberei vorwerfen. Sie findet den Vorwurf grob ungerecht, weil, so ihr trotziger Kommentar, es nun mal leider eine Tatsache sei, dass sie immer recht habe.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Warum neigen viele Leute zu der Ansicht, dass sie selbst mit fast allem recht haben und die anderen falschliegen? Viele Corona-Demonstranten sind davon überzeugt, dass die geltenden Pandemie-Auflagen – Abstand, Hygiene, Maske – vollkommen übertrieben sind und in keinem Verhältnis stehen zu den angestrebten Gesundheitszielen. Was den Demonstranten als völlig plausibel erscheint, halten viele Bürger für eine gefährliche Verharmlosung, gespeist von Ignoranz und kruden Verschwörungstheorien. Rationalität bestreitet man einander, eine Versöhnung der Positionen ist nicht vorgesehen.

          Lob des Kapitalismus

          Dass sich Ansichten unversöhnlich gegenüberstehen, ist keine Spezialität der Corona-Epidemie. Es findet sich überall, und es wird schlimmer, so scheint es mir. Nehmen wir nur die Frage, wie wir es mit unserem Planeten halten. Gerade habe ich das neue Buch des amerikanischen Naturwissenschaftlers Andrew McAfee gelesen, das den Titel trägt: „Mehr aus weniger“. McAfee, Direktor der „Initiative on the digital Economy“ am MIT in Cambridge, setzt darin zu einem fulminanten Lob des Kapitalismus an und zu einer Verteidigung der Marktwirtschaft gegen ihre sich ständig vermehrenden Kritiker.

          Grob zusammengefasst lautet die These: Anders als es die gängige grün-linke Meinung behauptet, schaufelt der Kapitalismus sich nicht sein Grab durch ausbeuterischen Ressourcenverbrauch. Ganz im Gegenteil besitzt er die Fähigkeit, mit immer besserer Technologie und immer weniger Ressourcen immer mehr Wachstum und Wohlstand zu schaffen.

          Die freudige Botschaft für den Leser lautet: Wir und unser Planet werden überleben, ohne dass wir dafür Verzicht üben müssen. Es ist eine Botschaft, die dem Zeitgeist öko-protestantischer Umwelt-Askese fundamental widerspricht. Kluge Technologie, ein waches Bewusstsein der Menschen und gut reagierende Politik haben die Wende zum Positiven längst herbeigeführt, was für McAfee nicht bedeutet, dass wir die Hände in den Schoß legen dürften. Doch sein Plädoyer für grüne Gentechnik und Atomenergie muss die Öko-Fraktion in Zornesglut versetzen.

          Apokalyptische Gegenthese

          Zur Kontrasterfahrung braucht man nur das Buch der Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Göpel lesen, das „Unsere Welt neu denken“ heißt und seit Monaten auf den Bestenlisten steht. Göpel liefert die apokalyptische Gegenthese zum Trostprogramm von McAfee: Das anrollende Klima-Chaos mit sich verschärfenden Konflikten zwischen Arm und Reich sind für sie ein Beweis dafür, dass Weitermachen keine Option ist. Das Wohlstandsmodell des Westens habe ausgedient, grundsätzliches Umsteuern von Wirtschaft und Gesellschaft sei unausweichlich.

          Rainer Hank
          Rainer Hank : Bild: F.A.Z.

          Konsumverzicht ist nur eine von mehreren Konsequenzen, die für die Autorin zwingend sind: Wir sollen aufhören, Geld auszugeben für Dinge, die wir nicht brauchen, deren Herstellung aber den Planeten zugrunde richtet, zu dem es bekanntlich keine Alternative gibt. Als die F.A.S. kürzlich Maja Göpel mit den Thesen von McAfee konfrontierte, reagierte sie fassungslos („steile These“, „jahrzehntelange Ressourcenforschung ignorierend“). Umgekehrt ist zu vermuten, dass auch McAfee sich nicht lange mit Göpels Gedanken aufhalten würde.

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