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Hanks Welt : Ist Deutschland langweilig und erfolgreich?

Definitiv sehr deutsch: Die Luftaufnahme zeigt den Rhein im Bereich des Loreleyfelsens bei St. Goar in Rheinland-Pfalz. Bild: dpa

In England erscheint dieser Tage ein Buch: „Warum die Deutschen es besser machen.“ Der Autor findet viele interessante Gründe.

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          Manchmal braucht es den Blick von außen: „Deutschland ist ein beneidenswertes Land. Es hat eine Reife entwickelt, mit der nur wenige andere Länder mithalten können.“ Welche andere Nation hätte einen armen Cousin wie die DDR mit so wenig nachhaltigem Trauma aufnehmen können? Welche andere Nation hätte über einer Million der ärmsten Menschen der Welt in der Flüchtlingskrise eine Heimat geben können?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Solche und noch viele mehr die Deutschen lobenden Sätze finden sich in einem Buch des englischen Publizisten John Kampfner, das gerade erschienen ist und den provozierenden Titel trägt: „Warum die Deutschen es besser machen“.

          Man kann den Titel in zwei Richtungen lesen. Das Buch richtet sich zunächst an die britischen Leser, denen der Autor Deutschland als Vorbild vorsetzt. Wie muss es um den kollektiven Gemütszustand Großbritanniens bestellt sein, dass seine Bürger sich jetzt solche Überschriften, ausgerechnet ein Lob der „Krauts“, gefallen lassen müssen? Als Deutscher liest man das Buch vor allem als Außenansicht, welche mit distanziertem Blick keine Rücksicht auf unsere eigenen, in langen Jahren eingespielten Traumata, Nörgeleien und Selbstkasteiungen nehmen muss. Aber auch mit der skeptischen Haltung: Nun macht mal halb lang!

          Der Tiefpunkt von 1999

          Wir erinnern uns noch: Der Tiefpunkt war vor gut zwanzig Jahren erreicht. Damals, im Sommer 1999, taufte das britische Magazin „Economist“ Deutschland als den „kranken Mann Europas“, oder, nicht minder abwertend gemeint, als „das Japan Europas“. Es deutet sich schon seit einer Weile an, dass die Schulnoten aus dem Ausland stetig besser werden: Jetzt also gibt es eine „Eins plus“. Die Bewältigung der Corona-Krise ist dafür lediglich der eindrucksvolle Schlusspunkt: Deutschland hat in der Pandemie bislang knapp 10.000 Tote zu betrauern, in Großbritannien sind es mehr als 40.000. Auch der wirtschaftliche Schaden, den das Virus anrichtet, ist hierzulande viel glimpflicher als auf der britischen Insel. „Corona war der ultimative Test für die Führungsqualität Angela Merkels“, schreibt Kampfner.

          John Kampfner ist der Sohn eines vor Hitler aus Bratislava geflohenen Juden und einer englischen Protestantin („solide christliche Arbeiterklasse“). Er studierte in Oxford Geschichte und Russisch, war Auslandskorrespondent renommierter Zeitungen in Moskau, Bonn und im Berlin der Wendezeit. Für sein Deutschlandbuch ist er ein Jahr durch unser Land gereist, hat sich umgehört – am Prenzlauer Berg in Berlin ebenso wie in Mönchengladbach („das deutsche Manchester“: Textilindustrie und Fußball) oder bei Porsche in Stuttgart-Feuerbach. Und er hat viel gelesen, Bücher des deutschen Wirtschaftshistorikers Werner Abelshauser etwa, aber auch die amerikanische Philosophin Susan Neiman: „Von den Deutschen lernen“, ein Buch, das in dieselbe Lobeskerbe haut, und preist, wie ernsthaft die Deutschen sich mit ihrer verbrecherischen Geschichte auseinandergesetzt haben.

          Die unaufgeregten Tugenden der Deutschen

          Was ist es denn nun, was dem britischen Beobachter so gut an uns gefällt? Es sind die unaufgeregten Tugenden der Deutschen, vor allem die Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit, in denen er die Grundlage für den Erfolg erkennt. Und es ist die anti-charismatische Kanzlerin, eine Gegenfigur zum derzeitigen britischen Premierminister, die diese Tugenden in größter Selbstverständlichkeit verkörpert. Tatsächlich gelingt es Kampfner, aus dieser Tugendlehre die soziale Marktwirtschaft abzuleiten. Der berühmte „Mittelstand“ mit seiner Verwurzelung in der Provinz (die Milliardäre Reinhold Würth in Künzelsau oder Ralph Dommermuth in Montabaur), das sind für Kampfner Vorbilder im Unterschied zu den Brutalo-Kapitalisten, die er aus den Romanen von Charles Dickens kennt.

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