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Kolumne: Hanks Welt : Immer auf die Dicken

Fettleibigkeit ist eine größere Gefahr für die Menschheit als Epidemien, sagt der Historiker Harari. Bild: Picture-Alliance

Zuckersteuern, schöne Models als Vorbilder, moralische Denunziation der Übergewichtigen – es nützt alles nicht viel. Wir werden Fettleibigkeit wohl nie besiegen. Oder doch?

          4 Min.

          Heute müssen wir uns mit dem größten Menschheitsproblem der Gegenwart beschäftigen. Nein, nicht mit dem Klimawandel, das kriegen Greta Thunberg und Robert Habeck besser hin.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hier soll es stattdessen um Übergewicht und Fettleibigkeit gehen, deren säkulare Dramatik uns zuletzt der israelische Historiker Yuval Harari vor Augen geführt hat: „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stirbt der Durchschnittsmensch mit größerer Wahrscheinlichkeit, weil er sich bei McDonald’s vollstopft, als durch eine Dürre, Ebola oder einen Anschlag von Al-Qaida.“ Anthony Warner, ein britischer Koch, spricht in seinem neuen Buch „Die Wahrheit über Fett“ von einer „modernen Epidemie“.

          Die Menschheit hat es zwar hinbekommen, den Hunger einzudämmen, aber die Dicken kriegt sie nicht in den Griff. Dazu reicht ein Blick in das letzte „Obesity Update“ der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD). Danach gilt in den OECD-Ländern jeder zweite Erwachsene und fast jedes sechste Kind als übergewichtig oder fettleibig („obese“).

          Merke: Wer einen Body-Mass-Index (Körpergewicht geteilt durch Quadrat der Körpergröße) von 30 und mehr hat, ist nach dieser Definition „fettleibig“; bei einem BMI zwischen 25 und 30 nennt man ihn oder sie „übergewichtig“. Wir nehmen statistisch gesehen alle zu an Gewicht – und dies trotz größter politischer und gesellschaftlicher Anstrengungen, den Anteil der Übergewichtigen zu minimieren.

          Zuckersteuern, schöne Modells als Vorbilder, moralische Denunziation der Übergewichtigen – es nützt alles nicht viel. Selbst die jüngste Youtube-Aktion von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und dem Lebensmittel-Konzern Nestlé zur Reduktion von Zucker und Fett brachte keine Linderung, sondern lediglich einen Shitstorm im Netz.

          Es ist unklug, dick zu werden

          Dabei ist es ziemlich unklug, dick zu werden. Denn es gilt das Gesetz: Einmal dick, immer dick. Schon in der Schule werden die Dicken gehänselt, und dann kriegen die Schlanken auch noch die hübscheren Partner. Lauter verpasste Chancen. Wer diskriminiert wird, braucht sich um den Spott keine Sorgen zu machen und wird darüber hinaus am Ende auch noch unglücklich.

          Auch den wirtschaftlichen Schaden der Fettsucht sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen: Die Übergewichtigen melden sich häufiger krank, sind weniger produktiv, verschlingen dafür aber einen größeren Anteil der Gesundheitskosten. Dicke sind relativ ärmer als die Dünnen und sterben auch noch früher. Schätzungen der Fettleibigkeitskosten klingen dramatisch: Auf mindestens 25 Milliarden Euro jährlich beziffert die deutsche Adipositas-Gesellschaft die direkten (Kassenleistungen) und indirekten Kosten (Arbeitsausfälle, Produktivitätseinschränkungen).

          Standen die Dicken früher besser da? Lucas Cranachs berühmtes Luther-Bild scheint zu zeigen, dass Körperfülle einst als Zeichen von Macht gedeutet wurde. Doch nun belehren uns die Historiker eines Besseren: Meist war die Macht der Dicken eine Stärke, die man verabscheuen sollte.

          Dem Tyrannen einer Stadt in Kleinasien namens Dionysios von Herakleia wurde nachgesagt, er sei so verfressen, dass er Mühe habe zu atmen, und dass er seine Audienzen hinter einer Truhe gebe, damit niemand sehen könne, wie sehr er aus dem Leim gegangen war. Das galt den antiken Autoren nicht als Stärke, sondern als Warnung, dass der Herrscher sich von seiner Fresssucht habe versklaven lassen. Fresserei ist ein Laster der „Fremden“ und markiert die Differenz zwischen zivilisierten und unzivilisierten Völkern, schreibt der Historiker Christopher E. Forth („Fat. A cultural history of the Stuff of Life“, 2019).

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