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Hanks Welt : Immer auf die Reichen

Rainer Hank Bild: F.A.Z.

Wer mehr verdient, soll weniger Rente kriegen. Gerecht ist das nicht.

          4 Min.

          Es geht uns allen heute so gut wie noch nie. Das ist die positive Nachricht. Aber einigen geht es besonders gut, anderen weniger gut. Ist das die schlechte Nachricht?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit vielen Jahren steigt die Lebenserwartung in den meisten Ländern der Welt kontinuierlich an. Bedanken können wir uns bei den Medizinern, denen es gelungen ist, die Kindersterblichkeit weitgehend zu besiegen und viele Krankheiten auszukurieren, an denen die Menschen früher gestorben sind. In den Industriestaaten erhöht sich die Lebenserwartung seit mehr als 150 Jahren alle zehn Jahre um etwa 2,5 Jahre. Wer heute geboren wird, hat – wenn es normal läuft – fünfzehn Jahre mehr vom Leben als ich (Jahrgang 1953) und wird, wenn er/sie sich gut hält, mühelos hundert Jahre alt. Schon hier könnte sich eine Ungerechtigkeit des Schicksals andeuten, zumindest dann, wenn man der Ansicht ist, mehr Lebensjahre seien ein Wert an sich. Dann sind die Spätgeborenen gegenüber früheren Generationen privilegiert, denn sie kommen dem alten Menschheitstraum der Unsterblichkeit relativ näher.

          Es wird noch ungleicher: Die wachsende Langlebigkeit verbessert sich nicht gleichmäßig. Die Sterbewahrscheinlichkeit (Mortalität) unterscheidet sich sehr stark nach Bildung, Region, Vermögen oder Einkommen. Gebildete leben länger als die Ungebildeten, in Europa hat man mehr vom Leben als in Afrika und die Reichen sterben später als die Armen. Mehr noch: Die Unterschiede in der Lebenserwartung innerhalb derselben Kohorte schrumpfen nicht etwa mit dem medizinischen Fortschritt, sie weiten sich. Deutsche Männer der Jahrgänge 1926 bis 1928 wurden durchschnittlich 83 Jahre alt – aber nur dann, wenn sie aufs Lebenseinkommen gerechnet zum reichsten Zehntel ihres Geburtsjahrgangs zählen.

          Armut kostet Lebenszeit

          Die Ärmsten unter ihnen wurden dagegen lediglich 79 Jahre alt. Die Differenz der Lebenserwartung beträgt vier Jahre. Blickt man auf die Jahrgänge 1947 bis 1949 so vergrößert sich der Lebenserwartungsabstand zwischen Arm und Reich auf sieben Jahre. Die Einkommensgewinner werden gut 87 Jahre alt, die Verlierer bringen es nur auf 80 Jahre, haben also am wenigsten vom medizinischen Fortschritt im Vergleich mit ihren Eltern. Armut kostet Lebenszeit.

          Woran das liegt? Darüber ist die Forschung uneins. Auf der Hand liegt: Wer gebildet ist, geht mit seiner Gesundheit pfleglicher um, trinkt und raucht seltener, und verlängert damit statistisch sein Leben. Wer reich ist kann es sich leisten, in einer angenehmeren Umgebung zu leben und Stress zu reduzieren, weil er sein Leben besser im Griff hat. Doch da fangen die Unsicherheiten schon an. Wichtig wäre es zu wissen, wie viel davon Schicksal ist und wie viel Leistung. Dass ärmere Menschen viel rauchen – ist das ihr Lebenslos? Und warum sind die Reichen überhaupt reich geworden? Weil sie ihres Glückes Schmied sind oder weil sie ihr Erbe einigermaßen zusammengehalten haben und der Zufall ihnen auch noch einen Lottogewinn beschert hat?

          Kurzum: Wir tappen ein wenig im Dunkel. Ganz und gar nicht im Dunkeln tappen indessen die Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die vor kurzem errechnet haben, wie sich die wachsende Kluft zwischen der Lebenszeit auf die Rentenerwartungen auswirkt. Generell gilt im deutschen Rentensystem: Wer als Berufstätiger mehr verdient hat, soll später auch eine höhere Rente erhalten. Die monatlichen Rentenauszahlungen errechnen sich proportional zu den eingezahlten Beiträgen. Das nennt man Äquivalenzprinzip. Wenn die Reichen immer länger leben, bedeutet dies, dass sie länger Rente beziehen, also im Verhältnis zu ihren gezahlten Beiträgen mehr Rentenauszahlungen erhalten als die Armen. Für einen relativ Armen des Jahrgangs 1949 verzinst sich sein Rentenbeitrag real (also abzüglich der Inflation) um 0,7 Prozent. Der Reiche erzielt eine doppelt so hohe Rendite von 1,4 Prozent. Er hat also nicht nur ein längeres Leben, sondern auch mehr von der staatlichen Umverteilung.

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