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Hanks Welt : Kollege Roboter übernimmt

Der Roboter Alpha Mini auf der CES in Las Vegas im vergangenen Jahr. Bild: AFP

Führt Künstliche Intelligenz zu neuer Massenarbeitslosigkeit? Die Diskussion ist abermals entbrannt – ein gutes Rezept bleibt indes gleich.

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          Seit Aristoteles galt die Überzeugung, Arbeit sei die von Gott gegebene Bestimmung der Menschen. Ihr Wert erschöpft sich längst nicht nur in der Erzielung von Einkommen. Noch die entfremdetste Tätigkeit enthält einen Rest von Sinngebung. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er arbeitet.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einer geregelten, einigermaßen sinnvollen Arbeit nachzugehen bedeutet, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Und dafür etwas Lebensnotwendiges zu erhalten, nämlich Anerkennung. So hat es der Frankfurter Philosoph Axel Honneth immer wieder beschrieben. Wenn das stimmt, ist allein die Möglichkeit einer Welt, der die Arbeit auszugehen droht, der „Worst Case“.

          Vor diesem Hintergrund bereiten Meldungen aus den ersten Tagen des neuen Jahres Sorgen, wonach die deutsche Industrie Beschäftigung reduzieren will. Gewiss, wir leben derzeit in der besten aller Welten: 45 Millionen Menschen haben hierzulande eine Arbeit, für die sie Geld bekommen. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie lange nicht mehr. Fachkräftemangel, nicht Jobverlust, heißt das Angstwort der unmittelbaren Gegenwart.

          „Maschinen bauen Maschinen“

          Doch die Gegenwart könnte falsche Sicherheit vorgaukeln. Und die Meldungen über den Jobabbau könnten ein Vorbote der Zukunft sein. Was passiert, wenn Autos künftig von Robotern und Automaten gebaut werden? „Maschinen bauen Maschinen“, so lautet die furchteinflößende Utopie des Tesla-Chefs Elon Musk (die der Querkopf zwischendurch auch gerne mal widerruft).

          Das ist das paradoxe Pendant zu Henry Fords berühmtem Satz „Autos kaufen keine Autos“, womit er zum Ausdruck bringen wollte, dass ohne Kaufkraft der Menschen kein Produkt absetzbar ist. Wenn also Roboter Autos bauen, wer kauft dann die von Robotern produzierten Autos, wenn die Fabrikarbeiter keine Arbeit und kein Geld mehr haben?

          Und, schlimmer noch: Was machen die arbeitslos gewordenen Arbeiter? Depressiv von einem zwar bedingungslosen, aber kargen Grundeinkommen der Sinnlosigkeit ins Auge schauen – das ist ein schwacher Trost, den Top-Manager und linke Utopisten derzeit anzubieten haben.

          Unversöhnt stehen sich zwei Gruppen gegenüber. Die Pessimisten sagen: Industrieroboter und Künstliche Intelligenz automatisieren nach und nach alle notwendigen Aufgaben, was langfristig zu Massenarbeitslosigkeit führen muss. „Ganz falsch!“, kontern die Optimisten: Automatisierung wird die Produktivität verbessern. Aus solchen Produktivitätsgewinnen resultiert eine steigende Arbeitsnachfrage. Vollbeschäftigung, das Gegenteil von Massenarbeitslosigkeit, wird es auch im KI-Zeitalter geben.

          Wer hat recht? Daron Acemoglu, ein renommierter Ökonom am Massachusetts Institute for Technology (MIT), hat für die an diesem Wochenende in San Diego stattfindende Jahrestagung der Vereinigung amerikanischer Ökonomen (AEA) eine Studie vorgelegt, welche paradoxerweise zeigt, dass Pessimisten und Optimisten recht haben.

          Dazu hilft ein Blick in die Geschichte. Zunächst: Wenn Maschinen Aufgaben übernehmen, die zuvor von Menschen erledigt wurden, dann führt das zu Arbeitslosigkeit. Das haben im 19. Jahrhundert die Weber in Schlesien nicht anders erlebt als die Landarbeiter in den amerikanischen Südstaaten. Acemoglu nennt das den Verdrängungseffekt („displacement effect“).

          17 Prozent Verdrängungsrisiko

          Was das heute konkret heißt, lässt sich mit dem „Job-Futuromat“ der Arbeitsagenturen (job-futuromat.iab.de) spielerisch-verführerisch ausprobieren. Man gibt seinen Beruf ein, und der Futuromat spuckt dessen Automatisierungspotential aus. Drei von vier typischen Tätigkeiten eines Kraftfahrzeugmechatronikers zum Beispiel seien von Maschinen ersetzbar, heißt es dort: ein Automatisierungspotential von 75 Prozent. Ähnlich dramatisch sieht es etwa bei Steuerberatern aus. Journalisten kommen glimpflicher davon: Die Automatisierbarkeit meines Berufs liege lediglich bei 17 Prozent, sagt der Futuromat, eine merkwürdig präzise wirkende Zahl.

          Doch das ist nicht alles: Automatisierung hatte im Verlauf der Industriegeschichte stets einen Produktivitätseffekt zur Folge, der neue Technologien freisetzt, die ihrerseits neue Arbeitsaufgaben für Menschen bereitstellen. Acemoglu nennt das den „Wiedereinstellungseffekt“ („reinstatement effect“). So führt der Ersatz von Arbeit durch Kapital paradoxerweise zur Entstehung neuer Arbeit, die häufig höhere Anforderungen und bessere Bezahlung mit sich bringt. Landarbeiter, die arbeitslos werden, weil der Traktor seine Sache besser macht, fanden ein besseres Einkommen, wenngleich nicht unbedingt ein besseres Leben, an den Fließbändern der Automobilindustrie in Detroit. Nicht nur Bandarbeiter, auch Ingenieure, Controller, Finanzexperten und Anwälte wurden plötzlich in großem Ausmaß gebraucht und gut entlohnt. Eine negative Folge davon ist freilich, dass die Einkommen, etwa zwischen Landarbeitern und Facharbeitern, ungleicher werden.

          Bildung ist die beste Medizin

          Der Streit zwischen Optimisten und Pessimisten ist also müßig. In Wirklichkeit geht es darum, wie sich im Verlauf des Strukturwandels das Verhältnis zwischen Verdrängungs- und Wiedereinstellungseffekt einpendelt. Es geht um den Saldo. Der muss nicht unbedingt positiv sein.

          Der Blick auf die beeindruckende Industriegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts könnte uns womöglich eine zu rosige Zukunft vorgaukeln. Jedenfalls meint MIT-Ökonom Acemoglu, in den vergangenen dreißig Jahren seien die Verdrängungseffekte stark gewesen, die Wiedereinstellungseffekte eher schwächer. Das dürfte damit zusammenhängen, dass es mit den Produktivitätseffekten der Digitalisierung nicht so weit her ist, sie jedenfalls viel kraftloser ausfallen als zu Beginn des Maschinen- und Automobilzeitalters. Sind wir heute weniger innovativ als früher? Einiges spricht dafür.

          Was tun? Ein guter Rat heißt immer noch „Bildung“. Bildung reduziert allemal das Risiko, arbeitslos zu werden, und erhöht zugleich die Chancen auf ein besseres Einkommen. Denn es gibt im Verlauf der Wirtschaftsgeschichte nicht nur einen Wettlauf zwischen Verdrängungs- und Wiedereinstellungseffekten, sondern auch einen Wettlauf zwischen Bildung und Technologie.

          Darauf hat auf der Ökonomen-Tagung Acemoglus MIT-Kollege David Autor hingewiesen: Selbst in Zeiten massiver Bildungsexpansion nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der Besuch einer höheren Schule oder einer Universität ausgezahlt. Der Grund liegt auf der Hand: Die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitnehmern ist stets noch stärker gewachsen als das Angebot.

          Das hat übrigens auch zu einer enormen Expansion der Bildungszeiten geführt: 1876 lag die durchschnittliche Schulzeit amerikanischer Jugendlicher bei 7,3 Jahren. Bis zum Jahr 1951 hat sie sich auf 13,2 Jahre fast verdoppelt. Inzwischen ist man bei fast 15 Jahren angekommen. Schule und Hochschule haben im Lauf der Geschichte enorm viel Lebenszeit gekapert. Das war kein Schaden für die Menschheit. Daraus folgt für die vor uns stehenden zwanziger Jahre eine vorsichtig optimistische Prognose: Wie groß der Segen der Digitalisierung sein wird, wissen wir noch nicht genau. Wollen wir indes eine Arbeitsgesellschaft bleiben, dann hilft mehr Bildung nach wie vor ungemein.

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