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Hanks Welt : Kollege Roboter übernimmt

17 Prozent Verdrängungsrisiko

Was das heute konkret heißt, lässt sich mit dem „Job-Futuromat“ der Arbeitsagenturen (job-futuromat.iab.de) spielerisch-verführerisch ausprobieren. Man gibt seinen Beruf ein, und der Futuromat spuckt dessen Automatisierungspotential aus. Drei von vier typischen Tätigkeiten eines Kraftfahrzeugmechatronikers zum Beispiel seien von Maschinen ersetzbar, heißt es dort: ein Automatisierungspotential von 75 Prozent. Ähnlich dramatisch sieht es etwa bei Steuerberatern aus. Journalisten kommen glimpflicher davon: Die Automatisierbarkeit meines Berufs liege lediglich bei 17 Prozent, sagt der Futuromat, eine merkwürdig präzise wirkende Zahl.

Doch das ist nicht alles: Automatisierung hatte im Verlauf der Industriegeschichte stets einen Produktivitätseffekt zur Folge, der neue Technologien freisetzt, die ihrerseits neue Arbeitsaufgaben für Menschen bereitstellen. Acemoglu nennt das den „Wiedereinstellungseffekt“ („reinstatement effect“). So führt der Ersatz von Arbeit durch Kapital paradoxerweise zur Entstehung neuer Arbeit, die häufig höhere Anforderungen und bessere Bezahlung mit sich bringt. Landarbeiter, die arbeitslos werden, weil der Traktor seine Sache besser macht, fanden ein besseres Einkommen, wenngleich nicht unbedingt ein besseres Leben, an den Fließbändern der Automobilindustrie in Detroit. Nicht nur Bandarbeiter, auch Ingenieure, Controller, Finanzexperten und Anwälte wurden plötzlich in großem Ausmaß gebraucht und gut entlohnt. Eine negative Folge davon ist freilich, dass die Einkommen, etwa zwischen Landarbeitern und Facharbeitern, ungleicher werden.

Bildung ist die beste Medizin

Der Streit zwischen Optimisten und Pessimisten ist also müßig. In Wirklichkeit geht es darum, wie sich im Verlauf des Strukturwandels das Verhältnis zwischen Verdrängungs- und Wiedereinstellungseffekt einpendelt. Es geht um den Saldo. Der muss nicht unbedingt positiv sein.

Der Blick auf die beeindruckende Industriegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts könnte uns womöglich eine zu rosige Zukunft vorgaukeln. Jedenfalls meint MIT-Ökonom Acemoglu, in den vergangenen dreißig Jahren seien die Verdrängungseffekte stark gewesen, die Wiedereinstellungseffekte eher schwächer. Das dürfte damit zusammenhängen, dass es mit den Produktivitätseffekten der Digitalisierung nicht so weit her ist, sie jedenfalls viel kraftloser ausfallen als zu Beginn des Maschinen- und Automobilzeitalters. Sind wir heute weniger innovativ als früher? Einiges spricht dafür.

Was tun? Ein guter Rat heißt immer noch „Bildung“. Bildung reduziert allemal das Risiko, arbeitslos zu werden, und erhöht zugleich die Chancen auf ein besseres Einkommen. Denn es gibt im Verlauf der Wirtschaftsgeschichte nicht nur einen Wettlauf zwischen Verdrängungs- und Wiedereinstellungseffekten, sondern auch einen Wettlauf zwischen Bildung und Technologie.

Darauf hat auf der Ökonomen-Tagung Acemoglus MIT-Kollege David Autor hingewiesen: Selbst in Zeiten massiver Bildungsexpansion nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der Besuch einer höheren Schule oder einer Universität ausgezahlt. Der Grund liegt auf der Hand: Die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitnehmern ist stets noch stärker gewachsen als das Angebot.

Das hat übrigens auch zu einer enormen Expansion der Bildungszeiten geführt: 1876 lag die durchschnittliche Schulzeit amerikanischer Jugendlicher bei 7,3 Jahren. Bis zum Jahr 1951 hat sie sich auf 13,2 Jahre fast verdoppelt. Inzwischen ist man bei fast 15 Jahren angekommen. Schule und Hochschule haben im Lauf der Geschichte enorm viel Lebenszeit gekapert. Das war kein Schaden für die Menschheit. Daraus folgt für die vor uns stehenden zwanziger Jahre eine vorsichtig optimistische Prognose: Wie groß der Segen der Digitalisierung sein wird, wissen wir noch nicht genau. Wollen wir indes eine Arbeitsgesellschaft bleiben, dann hilft mehr Bildung nach wie vor ungemein.

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