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Hanks Welt : Tokio Hotel und meine Schallplatten

Bill Kaulitz (l.) und Tom Kaulitz, Musiker der Band Tokio Hotel Bild: dpa

Streaming ist in Mode, in der Musik, in der Filmwelt. Sollte nicht auch die Lufthansa ihre Flugzeuge streamen?

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          Ein glücklicher Zufall bescherte uns vor ein paar Monaten ein Gespräch mit Tom und Bill Kaulitz, den Gründern von Tokio Hotel. Nein, es soll hier nicht um Heidi Klum und die Hochzeit gehen, das haben die Kollegen aus dem „Leben“ in der F.A.S. längst auserzählt. Hier geht es um Wirtschaft, also die harten Sachen. Jedenfalls haben wir von den Kaulitz-Zwillingen zum ersten Mal davon Kunde erhalten, dass wir unsere iTunes-Sammlung künftig auf dem digitalen Friedhof beerdigen könnten. Apple verkauft schon bald keine iTunes-Lieder mehr, hatten uns die Musiker erzählt.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und so sollte es dann auch kommen. Anfang Juni war es offiziell: der digitale Plattenladen von Apple schließt. Die Zukunft des Musikhörens heißt „Streaming“. Seither bin ich etwas in Unruhe: Denn ich fürchte, dass meine schöne Sammlung (vor allem Jazz und Klassik) irgendwann ganz aufhören wird, Töne von sich zu geben, weil die zugehörige App keine Updates erhält. Dann kann ich am Ende auf meinem Computer nur noch eine digitale Sondermusikzone einrichten unter der Überschrift „Hanks Musikgeschmack zwischen 2005 und 2019“.

          Das ist jetzt schon die dritte technologische Neuerung zum Musikhören, die ich mitmache. Erst Platten, dann CDs, schließlich iTunes (von den Tonbändern für den Kassettenrekorder, die sich ständig verhedderten, wollen wir hier absehen). Da merkt man doch, was man an physischen Tonträgern hat: Die stehen im Regal, auch wenn die Platten einigermaßen verkratzt sind. Aber meine iTunes-Sammlung: Wie real ist die eigentlich? Immerhin handelt es sich um mein Eigentum, denn ich habe dafür bezahlt. Davon habe ich nichts mehr, wenn meine Befürchtung wahr wird und die App vor sich hin modert.

          Die neue Welt, wie gesagt, heißt „Streaming“. Irgendwo in der dicken Cloud müssen wohl Tag und Nacht alle Musiktitel der Welt laufen, alle Filme, alle Podcasts, alle Spiele – quasi in einer Endlosschleife. Und ich kann, wann und wo immer ich will, mich ein- und ausklinken. „Individualisierung“, nicht Uniformierung, heißt der technische Fortschritt. Bei hr2 – eine Art Streaming von früher – muss ich warten, bis mein Lieblingssong gespielt wird. Nämlich nie, wenn ich Pech habe. Bei „Spotify“, was ich inzwischen nutze, ist Geduld ein Fremdwort, jeden Wunsch liest mir die grüne App von der Maus ab. Und wenn mir mal nichts einfällt, fällt Spotify garantiert etwas ein: Denn dort kennt man meine Präferenzen besser, als ich sie selber kenne. Das alles für 9,99 Euro im Monat – das ist das „All you can eat“-Prinzip übertragen auf Hören und Sehen.

          Nichts Neues unter der ökonomischen Sonne

          Ist das nun ein Paradigmenwechsel in der Ökonomie, will ich von Justus Haucap wissen. Der Mann ist Wettbewerbsökonom an der Universität Düsseldorf und kennt sich in der neuen Plattform-Ökonomie aus. Der Ökonom relativiert: Auch die alte Welt sei eine Art Streaming-Ökonomie avant la lettre gewesen, gibt er zu bedenken. Einen Föhn kauft sich der Verbraucher ja auch nicht, weil er dieses dröhnende Plastikteil mit Elektromotor haben will, sondern weil das Heißluftgerät ihm einen möglichst langanhaltenden „Nutzenstrom“ (ein Begriff aus der Mikroökonomie) verspricht. Und Fernsehen und Radiohören, wie gesagt, ist auch eine Art streamen, auf öffentlich-rechtlichem UKW-Niveau. Mithin: Es gibt nichts wirklich Neues unter der Sonne des Ökonomen.

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