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Hanks Welt : Schöne neue Corona-Welt?

Radikaler und rascher als das Virus es schaffte, hätte es die Degrowth-Bewegung nie vollbringen können: Das erste halbe Jahr 2020 verläuft wirtschaftlich tatsächlich im Schneckentempo. Wir erleben einen massiven Einbruch des Wirtschaftswachstums. Selten war der ökologische Fußabdruck der Menschen so schonend wie heute, dazu muss man sich nur den kerosinfreien blauen Himmel anschauen. Doch der Preis ist hoch: Quer durch alle Branchen brechen den Konzernen die Umsätze weg, und der Bewegungsradius der Menschen ist aufs engste reduziert, auf den Alltag im Heim und am Herd.

Rainer Hank
Rainer Hank : Bild: F.A.Z.

Das hängt, drittens, mit der Frage zusammen, ob wir es mit der Globalisierung übertrieben haben. Auch davon sind viele überzeugt: Weil wir alle global vernetzt sind, habe es nur wenige Wochen gebraucht bis das Virus überall auf der Welt mit exponentieller Geschwindigkeit sein Geschäft habe erledigen können. Unsere Abhängigkeit von der weltweiten Arbeitsteilung führe jetzt dazu, dass Arzneien oder Mundschutz, weil in China produziert, hierzulande nicht mehr zur Verfügung stünden. In der Tat: Globalisierung und Verletzlichkeit gehören zusammen. Aber was ist die Alternative? Eine Welt, wie jetzt, in der die nationalen Grenzen so dicht sind wie nie? Das mag die Welt sein, die TTIP-Gegner sich wünschen (wer weiß noch, was das war?). Für Liberale hingegen bleiben offene Märkte essentiell, und gute Linke müssten sich daran stoßen, dass auch die Migration in einer Welt geschlossener nationaler Clubs zum Erliegen kommt. Schon 50 Flüchtlingskinder aus Griechenland scheinen inzwischen Deutschland zu überfordern.

Was ist, viertens, mit dem Staat, den so viele sich zurückgewünscht haben, um den imperialen Neoliberalismus zu bändigen? Jetzt ist er wieder da. Der Staat nimmt Billionen Euro in die Hand, so viel Geld wie noch nie, um die Schäden der Krise zu begrenzen. Aber auf den aktuellen Nutzen folgen spätere Kosten. Wo überall sie anfallen werden, weiß heute noch niemand – Inflation, Schrumpfen des Sozialstaats oder eher Deflation.

Wenn das Geld vom Staat (und nicht vom Kunden) kommt, schulen Unternehmer sich im „Rent-Seeking“, im Geldabholen, wo es geht: Die KfW wird es schon richten. Es siegt der Cleverste. In dieser Welt geht es fast so raffgierig zu, wie die Staatsfreunde sich immer die Kapitalisten vorstellen. Der Staat ist als Planer jetzt in der Tat gefordert, aber zugleich völlig überfordert, wenn er sich zum Beispiel anmaßt zu wissen, ob ein Händler mit 800 Quadratmeter Verkaufsfläche weniger infektionsgefährdend ist als mit 810 Quadratmetern. In der Krise zeigt sich die Staatsbedürftigkeit unserer Gesellschaft, aber auch die damit verbundene Abgründigkeit.

Es mag nicht fair sein, den utopischen Gehalt der Corona-Welt zum Indiz für ihre dystopische Wirkung zu machen. Doch als Rechenübung könnte gelten: Man nehme das Krisen-Design (Ersatzeinkommen ohne Arbeit, Wirtschaft ohne Wachstum, Handel im Nahbereich und ohne Migration, Anerkennung der Staatsbedürftigkeit) und ziehe davon Corona ab. Ist das, was übrig bleibt, dann jene „bessere Welt“, die zu bauen die Krise zur Zäsur und Chance werden ließe, wie jetzt viele sagen? Ich gestehe: Da ist mir die gute alte Welt vor Corona lieber. Lieber jedenfalls als der neue Seuchensozialismus jener orakelnden Propheten, die uns, frei nach Karl Popper, ein Paradies versprechen, das sich am Ende als Hölle erweisen könnte.

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