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Hanks Welt : Die Quote ist die Waffe der Schwächlinge

Allein unter Männern: Angela Merkel im Sommer beim G-7-Gipfel in Kanada. Bild: EPA

Starke Ideen setzen sich alleine durch. Jesus und Keynes sind dafür beste Beispiele.

          Neulich fiel uns in ziemlich vergilbtem Zustand ein Exemplar des ersten Jahrgangs des „Merkur“ aus dem Jahr 1947 in die Hand. Als „Zeitschrift für europäisches Denken“ wurde dieses bis heute angesehene Periodikum nach dem Krieg gegründet: elitär, modern und konservativ zugleich. Dort findet sich eine Würdigung des im Jahr zuvor verstorbenen britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883 bis 1946) nebst einer Auswahl hübscher Keynes-Zitate über die Bedeutung von „Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft“: Keynes vertrat die Auffassung, die Ideen der Wirtschaftswissenschaftler seien viel einflussreicher als gemeinhin behauptet.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Praktiker und Politiker, die sich selbst als völlig frei von ökonomischen Einflüssen brüsten, sind, so Keynes, allemal Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen: „Wahnsinnige in hoher Stellung, die Stimmen in der Luft hören, zapfen ihren wilden Irrsinn aus dem, was irgendein akademischer Schreiber ein paar Jahre zuvor verzapft hat.“ Es dauere aber stets eine gewisse Zeit, bis ökonomische Ideen sich ausbreiten. Da hat der große Ökonom Recht: Dass Sahra Wagenknecht ihren Marx gelesen hat, merkt man heute noch; dass Friedrich Merz einmal bei Milton Friedman vorbeigeschaut hat, spürt man ebenfalls.

          Was sind die richtigen Ideen?

          Es geht uns hier um die Macht der Ideen und die Frage, was eigentlich die richtigen Ideen sind: Diejenigen des heutzutage populistisch verunglimpften „Mainstreams“ oder die der Außenseiter. Keynes selbst ist das allerbeste Beispiel für seine Behauptung von der Macht der Ideen. Darauf macht der Nachruf im „Merkur“ aufmerksam. Als Keynes’ Hauptwerk, die „Allgemeine Theorie“, 1936 erschien, hatte die Mehrheit der damals herrschenden Lehrvertreter seine Gedanken abgelehnt. Dagegen sahen junge Ökonomen wie etwa der spätere Nobelpreisträger Paul Samuelson darin eine Offenbarung, weil sie endlich eine Erklärung für die anhaltende Arbeitslosigkeit hatten. Als eine Dekade später im „Merkur“ der Nachruf erschien, war Keynes im Mainstream angekommen. Aber erst in den siebziger Jahren hat in Deutschland eine sozialliberale Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt daraus ein wirtschaftspolitisches Programm staatlicher Konjunktursteuerung entwickelt.

          Was folgt daraus? Jede Orthodoxie hat irgendwann einmal heterodox angefangen. Das Christentum – wo das Begriffspaar Orthodoxie und Heterodoxie seinen Ursprung hat – begann im kleinen Zirkel als subversive Ideenbewegung in Palästina. Es sollte über 300 Jahre dauern, bis daraus eine Staatsreligion des römischen Reiches wurde. Leute, deren Ahnen religiöse Unruhestifter waren, legten plötzlich als Dogmatiker größten Wert darauf, die reine Lehre von gefährlichen Häretikern zu trennen. Auf dem Schlachtfeld der Ideen geht es hart zur Sache, aber wenigstens unblutig – und noch nicht einmal dies stimmt, denkt man an Kreuzzüge und kommunistische Säuberung um der hehren Ideen willen.

          Das heißt aber nicht, dass jedwede Heterodoxie später zur Orthodoxie wird. Nicht alles, was sich einmal als Mainstream durchgesetzt hat, muss irgendwann wieder verschwinden – was vielleicht auch ein Trost für CDU und SPD ist. Das beste Beispiel ist die Medizin. Jahrhundertelang dominierten Quacksalber das Fach, die Menschen so lange schröpften, bis sie am Ende tot waren. Dann kamen Aufklärung und moderne Naturwissenschaft, die für die Heilkunst zum Segen und für die Menschheit Quelle von Wohlbefinden und Langlebigkeit wurden. Heute arbeitet sich daran die medizinische Heterodoxie ab: Sie verwendet den Begriff „Schulmedizin“ als negativen Kampfbegriff und will die Menschen davon überzeugen, dass sie mit homöopathischen Globuli oder renitenter Impfverweigerung in bessere körperlich-seelische Verfassung kommen könnten als mit der Schulmedizin. Zum Glück lassen sich die meisten Patienten davon in ihrer Treue zum orthodoxen Mainstream (hammerharte Antibiotika oder Chemotherapie, wenn es sein muss) nicht beeindrucken.

          Womit wir wieder bei der Ökonomie wären. Die „Schulmedizin“ heißt hier „Neoklassik“, die häretische „Homöpathie“ nennt sich „plurale Ökonomik“. Ihre jüngste Verunsicherung erlebte die herrschende Lehre während der Finanzkrise vor zehn Jahren. Statt dass die Mainstream-Ökonomen uns auf die extreme Fragilität des Finanzsystems hingewiesen und den mathematisch konstruierten Homo Oeconomicus beerdigt hätten, meinten sie, uns vor Massenarbeitslosigkeit infolge des Mindestlohns warnen zu müssen, so höhnt die heutige ökonomische Heterodoxie. Dabei habe sich der Mindestlohn erkennbar als unschädlich, die Finanzindustrie jedoch als toxisch erwiesen. Gleichwohl ist es den Häretikern der Zunft bis heute nicht gelungen, den Mainstream zum Abdanken zu bewegen – jahrzehntelangen Kampagnen gegen den bösen Neoliberalismus zum Trotz. Die Wege der wissenschaftlichen Evolution sind offensichtlich verschlungener als es der Konjunkturzyklus nahelegt, wonach jede Orthodoxie von einer Häresie abgelöst werde.

          Der Machtkampf der Ideen

          Weil sie den Machtkampf der Ideen nicht gewinnen konnten, greifen die ökonomischen Häretiker heute zum schwächsten aller Instrumente, das die Heterodoxie zur Verfügung hat; der Quote. „Mindestens 20 Prozent heterodoxer Ökonom_innen“ müssten künftig bei der Besetzung von Lehrstühlen zum Zug kommen, fordert Achim Truger. Der Mann, der sich selbst dem häretischen Lager zurechnet, ist ziemlich unbekannt, soll aber demnächst gemäß dem unerforschlichen Ratschluss der deutschen Gewerkschaften in den ehrwürdigen Sachverständigenrat der „Fünf Weisen“ einrücken.

          Die Quote ist deshalb die Waffe der Schwächlinge, weil sie statt eines Siegs im Wettbewerb der Ideen einen formalen Verteilschlüssel zum Machterwerb durchsetzen will. Angela Merkel wurde nicht Kanzlerin, weil sie als Kanzlerin nach vielen Kanzlern und als Ostgeschöpf nach vielen Westkreaturen dran war, sondern weil sie den Machtkampf gegen Kohl, Schäuble, Merz & Co. bravourös mit List und Tücke gewonnen hatte. Dass auch sie jetzt mit einer Quote für Frauen im Parlament liebäugelt, ist ein Widerspruch zu ihrer eigenen Machtgeschichte. Wer die Quote will, hat sich vom Argument verabschiedet und fällt zurück in eine ständische Ideenwelt, in der Anrechte leistungslos von mächtigen Lobbygruppen zugeteilt werden.

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          John Maynard Keynes hat den Mainstream der Ökonomie nicht erobert, weil er eine Quote für Keynesianer durchsetzen konnte, sondern weil er eine geniale Idee hatte, die zum Paradigmenwechsel taugte und eine unruhige Zeit besser in Gedanken zu fassen vermochte, als die herrschende Lehre. Das Problem der heutigen Heterodoxie ist, dass sie intellektuell schwächelt und eben gerade keinen Keynes hervorgebracht hat; die Finanzkrise wäre eigentlich ihre Chance gewesen. Die Stärke der ökonomischen Orthodoxie ist, dass sie – leider erst im Nachhinein – ihre Chance zur kritischen Erneuerung ergriffen hat. Das wird die „Wahnsinnigen in hoher Stellung“ (Keynes) freilich nicht daran hindern, den wilden Irrsinn der ökonomischen Heterodoxie lauthals zu verzapfen.

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