https://www.faz.net/-gqe-9gpdq

Hanks Welt : Die Quote ist die Waffe der Schwächlinge

Womit wir wieder bei der Ökonomie wären. Die „Schulmedizin“ heißt hier „Neoklassik“, die häretische „Homöpathie“ nennt sich „plurale Ökonomik“. Ihre jüngste Verunsicherung erlebte die herrschende Lehre während der Finanzkrise vor zehn Jahren. Statt dass die Mainstream-Ökonomen uns auf die extreme Fragilität des Finanzsystems hingewiesen und den mathematisch konstruierten Homo Oeconomicus beerdigt hätten, meinten sie, uns vor Massenarbeitslosigkeit infolge des Mindestlohns warnen zu müssen, so höhnt die heutige ökonomische Heterodoxie. Dabei habe sich der Mindestlohn erkennbar als unschädlich, die Finanzindustrie jedoch als toxisch erwiesen. Gleichwohl ist es den Häretikern der Zunft bis heute nicht gelungen, den Mainstream zum Abdanken zu bewegen – jahrzehntelangen Kampagnen gegen den bösen Neoliberalismus zum Trotz. Die Wege der wissenschaftlichen Evolution sind offensichtlich verschlungener als es der Konjunkturzyklus nahelegt, wonach jede Orthodoxie von einer Häresie abgelöst werde.

Der Machtkampf der Ideen

Weil sie den Machtkampf der Ideen nicht gewinnen konnten, greifen die ökonomischen Häretiker heute zum schwächsten aller Instrumente, das die Heterodoxie zur Verfügung hat; der Quote. „Mindestens 20 Prozent heterodoxer Ökonom_innen“ müssten künftig bei der Besetzung von Lehrstühlen zum Zug kommen, fordert Achim Truger. Der Mann, der sich selbst dem häretischen Lager zurechnet, ist ziemlich unbekannt, soll aber demnächst gemäß dem unerforschlichen Ratschluss der deutschen Gewerkschaften in den ehrwürdigen Sachverständigenrat der „Fünf Weisen“ einrücken.

Die Quote ist deshalb die Waffe der Schwächlinge, weil sie statt eines Siegs im Wettbewerb der Ideen einen formalen Verteilschlüssel zum Machterwerb durchsetzen will. Angela Merkel wurde nicht Kanzlerin, weil sie als Kanzlerin nach vielen Kanzlern und als Ostgeschöpf nach vielen Westkreaturen dran war, sondern weil sie den Machtkampf gegen Kohl, Schäuble, Merz & Co. bravourös mit List und Tücke gewonnen hatte. Dass auch sie jetzt mit einer Quote für Frauen im Parlament liebäugelt, ist ein Widerspruch zu ihrer eigenen Machtgeschichte. Wer die Quote will, hat sich vom Argument verabschiedet und fällt zurück in eine ständische Ideenwelt, in der Anrechte leistungslos von mächtigen Lobbygruppen zugeteilt werden.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

John Maynard Keynes hat den Mainstream der Ökonomie nicht erobert, weil er eine Quote für Keynesianer durchsetzen konnte, sondern weil er eine geniale Idee hatte, die zum Paradigmenwechsel taugte und eine unruhige Zeit besser in Gedanken zu fassen vermochte, als die herrschende Lehre. Das Problem der heutigen Heterodoxie ist, dass sie intellektuell schwächelt und eben gerade keinen Keynes hervorgebracht hat; die Finanzkrise wäre eigentlich ihre Chance gewesen. Die Stärke der ökonomischen Orthodoxie ist, dass sie – leider erst im Nachhinein – ihre Chance zur kritischen Erneuerung ergriffen hat. Das wird die „Wahnsinnigen in hoher Stellung“ (Keynes) freilich nicht daran hindern, den wilden Irrsinn der ökonomischen Heterodoxie lauthals zu verzapfen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.
Umtriebiger Minister: Jens Spahn

Bundesgesundheitsminister : Jens Spahn demonstriert seine Macht

Ist das der große Kehraus vor einem möglichen Wechsel ins Verteidigungsministerium? Der Gesundheitsminister bringt am Mittwoch drei Gesetzentwürfe ins Kabinett ein – und will auf die Schnelle noch zwei Behörden fusionieren.

FAZ Plus Artikel: Merkel in Sachsen : Aus Liebe zum Land

Merkel besucht Sachsen in schwierigen Zeiten: Laut Prognosen könnte die AfD in vielen Wahlkreisen an den Christdemokraten vorbeiziehen. Für die CDU geht es im Freistaat um ihr politisches Überleben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.