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Hanks Welt : Ohne Frauen läuft nichts

Rainer Hank Bild: F.A.Z.

Nach der Wende haben vor allem Frauen den Osten verlassen. Ein Jammer! Der männliche „Held der Arbeiterklasse“ war nicht nur von Deklassierung betroffen.

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          Am Abend des historischen 9. November 1989 begegnen sich Hermann Simon und Clarissa Lichtblau nach langen Jahren wieder. In einer Berliner Hotelhalle fallen sie sich in die Arme, während man ringsum euphorisch den Fall der Mauer feiert.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hermann und Clarissa, beide ungefähr fünfzigjährig und in der Bundesrepublik groß geworden, sind die Helden des dritten Teils in Edgar Reitz’ deutschem Jahrhundertepos „Heimat“. Sie lieben sich in einem Hotelzimmer, während im Fernseher die Jubelszenen der Menschen aus Ost und West laufen. Als sie sich nach ihren Leben befragen, erzählt Clarissa von einem Ort ihrer Sehnsucht, einem Haus am Hang über Oberwesel im romantischen Rheintal. Das wiedervereinigte Paar restauriert in den Monaten der sich abzeichnenden deutschen Wiedervereinigung dieses verfallene Haus, erneuert sein Fundament und findet hier, ganz nahe an Hermann Simons Geburtsort Schabbach, seine neue Heimat.

          Zwei Monate vor dem 9. November 2019, an dem sich der Mauerfall zum dreißigsten Mal jährt, stimmt traurig, dass heute so wenig von der überbordenden Freude von damals noch zu spüren ist. Man kann die Verwunderung auch polit-ökonomisch formulieren: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, gleiche Bildungs-, Karriere- und Konsummöglichkeiten, all das sind Errungenschaften der Wiedervereinigung, deren Wert nicht genug geschätzt werden kann, die aber in der verbreiteten Stimmung im Osten (und übrigens auch im Westen) nur schwer zu finden sind. Was ist schiefgelaufen, wo doch so vieles gut gelaufen ist?

          Die traurige Wende-Wahrheit

          Kommen wir noch einmal zurück auf Edgar Reitz’ Film: Die Bauarbeiten am neuen Heimat-Haus von Hermann und Clarissa erledigen im Frühjahr 1990 Gunnar und Udo, zwei Handwerker aus Leipzig, die mit großer Begeisterung für zehn D-Mark die Stunde die Ruine von Oberwesel instand setzen. Doch dann erlebt Gunnar seinen Wendeschock: Knall auf Fall verlässt ihn seine Frau Petra (samt den beiden Kindern) für einen gutaussehenden, erfolgreichen jungen Mann aus dem Westen. Das neue Paar macht Urlaub in der Bretagne und genießt sein großes Glück, während Gunnar, tief verletzt, in die DDR zurückkehrt.

          Die Episode des Films enthält eine – häufig übersehene – historische Wahrheit: „Auffällig ist, dass der wilde Osten vor allem von Westmännern erobert wurde“, schreibt der Soziologe Steffen Mau in seinem zurecht gepriesenen Buch „Lütten Klein“. Die Wende 1989 war eine Zeit neuer Mobilität. Und unter den Mobilen waren überproportional viele Frauen. Durch ihre starke Erwerbsorientierung und das in der DDR erlernte Selbstverständnis ökonomischer Unabhängigkeit gelang es ihnen vergleichsweise gut, im westdeutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Das Nachsehen hatten die Männer. Der männliche „Held der Arbeiterklasse“, so Steffen Mau, war nicht nur von Deklassierung betroffen, er fand sich plötzlich in einem männlich dominierten Umfeld von Zurückbleibern wieder.

          Zwischen 1992 und 1996 war die Zahl der weiblichen Ost-Abwanderer mehr als doppelt so hoch wie die der Männer. Von den unter Dreißigjährigen, die zwischen 1991 und 2005 Ostdeutschland verließen, waren zwei Drittel Frauen. Das ist bemerkenswert, denn traditionell sind die Männer die Wanderer, während die Frauen eher daheimbleiben. Bei der deutschen Vereinigung lief es andersherum. Viele Männer von fünfzig aufwärts, die (ohne die Frauen) im Osten blieben, hat man bald darauf kollektiv in die Frühpensionierung geschickt, ausgestattet mit den Transfers des Kohl-Blümschen Sozialstaats, aber alleingelassen mit ihren Selbstwerteinbußen.

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