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Hanks Welt : Ohne Frauen läuft nichts

Solche Kränkungen vergisst der Mann nicht. Der Hinweis auf die übersehene Feminisierung der West-Wanderung ist nur eines der vielen Aha-Erlebnisse, die die Lektüre von Steffen Maus Buch so lohnend machten. Mau selbst, weniger beglückt als die Helden im Film von Edgar Reitz, stand in der Nacht vom 9. auf den 10. November als junger Soldat der Nationalen Volksarmee, mit Stahlhelm und munitionierter Kalaschnikow, im strömenden Regen auf Wache vor einer Kaserne in Schwerin. Ein Westsender brachte die Nachricht von der Öffnung der Mauer. Steffen Mau in seiner tristen Soldatenstube war einfach nur verwirrt.

Lütten Klein: Eine Neubausiedlung am Rande von Rostock

Heute ist Mau Professor für Soziologie an der Berliner Humboldt-Universität. Für seine Studie über die deutsch-deutsche Transformation ist er noch einmal zurückgegangen an den Ort seiner Kindheit: Eine Neubausiedlung am Rande von Rostock mit eben diesem wunderbaren Namen Lütten Klein. Dass wir Westdeutschen diese Siedlung „Platte“ nennen und uns fragen, wie man dort leben konnte, ist ein Indiz für unterschiedliche West-Ost-Wahrnehmungen der deutschen Einheit. Die Leute damals erlebten ihre Neubauwohnungen als Aufstieg. Es gab Fernwärme statt Kohleöfen und warmes Wasser, „das aus der Wand kam“. Für die Bewohner von Lütten Klein musste die Kategorisierung ihres Stadtteils als anonyme Wohnmaschine wie eine schwere Kränkung wirken, erst recht dann, wenn sie solche Abwertungen selbst übernahmen.

Es ist die Stärke an Maus Buch, dass er seine Erinnerungen (fast) ohne Ostalgie erzählt. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die späte DDR marode, erstarrt, wirtschaftlich nicht überlebensfähig war und kein einziges ihrer sozialistischen Versprechen je hätte einlösen können. Doch aus dem zwingenden Untergang der alten Welt folgt eben nicht zwangsläufig die Rechtfertigung der Transformation in die Marktgesellschaft.

Hinzu kommt: Neben den Frakturen des Übergangs gab es mentale Kontinuitäten. Verstand sich die DDR als ein vormundschaftlicher Staat, in dem eine autoritär-diktatorische Elite einer nivellierten Gesellschaft vorgab, wie sie zu leben hatte (Wer darf studieren? Wer kriegt ein Auto? Wer eine Wohnung?), so fand man sich nun in der Sozialen Marktwirtschaft wieder, die ihrerseits paternalistisch Versorgungsansprüche garantierte: Die Mündel-Mentalität der Ostdeutschen wurde so jedenfalls nicht verändert, erzeugt wurde vielmehr eine Art „Duldungsstarre“ und kollektive Unterwürfigkeit gegenüber der neuen West-Obrigkeit, deren Parteienvertreter Schokolade als Wahlwerbung verteilten.

Das alles erklärt den Rechtsruck im Osten nicht. Aber Maus Erinnerungen und Analysen sind – gerade für Leser, die im Westen aufgewachsen sind – hilfreicher als die undifferenzierte Rede von den „Abgehängten“ und die neunmalklugen Populismus-Analysen. Schon in der möchtegern-sozialistischen DDR gab es einen fruchtbaren Boden für Rechtsradikalismus. Man schimpfte auf „die Neger“ (Fremdarbeiter aus Kuba oder Moçambique), weil sie den Deutschen ihre Frauen wegnähmen. Solche Emotionen sind anschlussfähig an die heutige Fremdenangst. Jetzt gelten Migranten als „Vordrängler in der Warteschlange“, denen scheinbar die Wohltaten des Sozialstaats ohne Vorleistung zustehen. Vor dem Hintergrund des kollektiven Traumas mangelnder Wertschätzung hat es die AfD leicht, alte Kränkungen in Hass umzuwandeln. Es ist ein Jammer. Denn hinter solchen Entwertungserfahrungen treten die Erfolgsgeschichten des Ostens zurück: etwa die des Soziologen Steffen Mau, der sein Buch über Lütten Klein an der Harvard-Universität schreiben konnte.

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