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Hier darf Taring Padi weiter ausstellen: Das Hallenbad-Ost in Kassel. Bild: dpa

Hanks Welt : Keiner schuld in Kassel

Wer „westliche Werte“ vertreten will, wie es jetzt immer heißt, muss auch für den Individualismus des Westens kämpfen. Die Documenta jedenfalls ist ein Dokument des Antiliberalismus.

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          Was hat die Documenta 2022 mit der Finanzkrise von 2008 zu tun? „Nichts“, würden die meisten Menschen sagen. Weil mir seit Eröffnung der Kunstschau in Kassel ständig Déjà-vu-Erinnerungen an die Weltfinanzkrise durch den Kopf gehen, mache ich heute den Versuch, eine Gemeinsamkeit zwischen beiden Ereignissen zu behaupten: Denn Finanzkrise und Documenta sind zwei Anschauungsbeispiele für das „Prinzip Verantwortungslosigkeit“.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Documenta gilt als Schau der künstlerischen Avantgarde. In diesem Jahr versteht sie sich aber als Zurschaustellung einer alternativen Ökonomie, sodass selbst die Kunstkritiker fragen, ob es noch um Kunst gehe oder nicht vielmehr um eine „polit-ökonomische Kundgebung“.

          Den polit-ökonomischen Anspruch leugnen die Akteure in Kassel keineswegs. Ich fasse die Ideen zusammen: Statt einzelner Künstler gibt es auf der aktuellen Documenta ausschließlich Kollektive. Diese propagieren eine ökonomische Alternative des „globalen Südens“ gegen den Individualismus, Elitismus und entfesselten Kapitalismus des „globalen Nordens“. Individualismus und Kapitalismus gelten ihnen als die Ursachen für alles Böse in der Welt: Geldgier, Patriarchat, Kolonialismus. Die Opfer dieser Unterdrückung begehren nicht nur auf, sie bringen auch ein alternatives Konzept zur Darstellung, wie wir künftig besser leben und wirtschaften können.

          Radikal, aber nicht irrational

          Der Kern dieser alternativen Documenta-Ökonomie heißt „Lumbung“. In Indonesien bezeichnet der Begriff die in eine Reisscheune eingebrachten Überschüsse der Ernte, die untereinander verteilt und an die Bedürftigen weitergegeben werden. Die Früchte der Erde sollen allen nach Maßgabe ihrer Bedürftigkeit und in gerechter Verteilung zur Verfügung stehen. Und eben nicht dem Knappheits-Prinzip von Angebot und Nachfrage unterliegen und sich dem Preisdiktat des Geldes unterwerfen. Konsequenterweise negiert dieser Kollektivismus auch das Privateigentum und die Idee des individuellen Besitzes. Statt Kapitalismus propagiert die Documenta 2022 die Idee eines nachhaltigen Kreislaufs von Waren und Werten (genannt Ekosistem), welcher sich der mörderischen Ausbeutung der Ressourcen durch den Kapitalismus widersetzt.

          Diese alternative Idee des Wirtschaftens ist tatsächlich radikal. Ich finde, sie ist sogar einigermaßen konsequent gedacht, also nicht irrational. Mehr noch: Die Documenta propagiert ja nicht nur eine Idee, sondern sie bringt sie zugleich zur Darstellung. Das geht so: Das indonesische Kollektiv Ruangrupa, dem die künstlerische Leitung der Documenta übertragen wurde, hat weitere Kollektive ausgewählt, die ihrerseits weitere Kollektive ermächtigten, in Kassel ihre Kunst zu vertreten. Wir kennen welche, die welche kennen und denen wir vertrauen – und denen wir vielleicht auch was Gutes tun wollen. Rechenschaft über die Auswahl muss niemand geben. Externe Qualitätssicherung oder Kontrolle finden nicht statt; das wäre ja eine Behinderung der Freiheit der Kunst. Dieses Schneeballsystem hat dazu geführt, dass bis heute niemand genau sagen kann, wie viele Künstler wirklich auf der Documenta ausstellen.

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