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Hanks Welt : Kapitalismus macht doch nicht depressiv

Rainer Hank Bild: F.A.Z.

Wir glauben, dass der Stress zunimmt und das kapitalistische Wirtschaftssystem die Menschen krank macht. Das ist ein Irrtum – und viele Diagnosen scheinbar Modeerscheinungen.

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          Neulich wurden wir von einer dramatischen Meldung aufgeschreckt: Die Zahl der Krankentage wegen psychischer Probleme hat sich hierzulande innerhalb von zehn Jahren verdoppelt – von rund 48 Millionen im Jahr 2007 auf 107 Millionen im Jahr 2017. Das Bundesarbeitsministerium hat den alarmierenden Befund auch gleich in „wirtschaftliche Ausfallkosten“ umgerechnet: die nämlich sollen sich sogar fast verdreifacht haben – von 12,4 Milliarden auf 33,9 Milliarden Euro.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als ob wir es nicht immer schon geahnt hätten: Der Kapitalismus produziert nicht nur Armut, Ungleichheit und materialistische Einstellungen. Er macht die Menschen auch noch krank. Und zwar heute mehr als früher. „Stress hat in den letzten zehn Jahren in unserer Gesellschaft erheblich zugenommen“ ist eine Aussage, die 56 Prozent der Manager und mehr als 60 Prozent der deutschen Angestellten eindeutig bejahen. Und für den Fall, dass wir das lediglich unserer subjektiven Wahrnehmung zuschreiben sollten, wird uns versichert: „Unstrittig ist, dass psychische Belastungen mit dem Wandel der Arbeitswelt zunehmen“. Das steht in einem Bericht der Bundesregierung über den „Stand von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“. Wie schön: Die Krankschreibungen wegen Stress, Burnout, Depression haben endlich eine Ursache gefunden.

          Bloß die Art der Ausbeutung habe sich geändert, machen uns die Schwarzmaler weis: In den Fabriken des 19. Jahrhunderts ging die Arbeit auf unsere Knochen. Heute nimmt die Seele Schaden. Erschöpfung sei ein Dauerzustand geworden. Depression, so sagt man, sei das Volksleiden des 21. Jahrhunderts. Schuld hat einmal mehr der Kapitalismus.

          Konjunktur der Burnout-Diagnose

          Es reicht schon, das Stichwort Digitalisierung in die Runde zu werfen, um zustimmendes Nicken zu ernten. Wer gewahr sein muss, dass sein Chef oder sein Kunde auch noch um Mitternacht per Mail, SMS oder Whatsapp Anweisungen erteilt, wird leicht in Stress versetzt. Loslassen ist in unserem Alltag offenbar nicht mehr vorgesehen. Arbeitsverdichtung ist angesagt. Immer „agil“ sein und der nächsten „Disruption“ standzuhalten, das bringt einen psychisch gehörig aus dem Gleichgewicht. Getreu dem alten Grundsatz, früher war alles besser, denken wir: Wie schön muss die deutsche Angestelltenwelt im 20. Jahrhundert gewesen sein, als Vater um 17 Uhr das Büro verließ. Und wenn zuhause das Telefon klingelte, dann war nicht der Chef in der Leitung, sondern Tante Lina.

          Es könnte allerdings alles auch ganz anders sein. Martin Dornes, ein Frankfurter Psychoanalytiker und Soziologe, hat vor drei Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel „Macht der Kapitalismus depressiv?“. Dornes beantwortet die Frage mit einem klaren „Nein“. Zugenommen, so Dornes, habe nicht die Krankheit, sondern ihre Diagnose, ein kleiner, aber alles entscheidender Unterschied.

          Allein die öffentliche Aufmerksamkeit für einzelne Krankheitsbilder kann ihr tatsächliches oder vermeintliches Auftreten beeinflussen, sagt der Psychoanalytiker. Es kann auch mit einer Schamschwelle zusammenhängen: Psychisch krank zu sein, wurde lange Zeit stigmatisiert. Besser man gibt es nicht zu, weil damit Ächtung in der Gesellschaft, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz verbunden ist. Nennt man die Krankheit aber nicht Depression, sondern – viel weniger dramatisch – „Stress“ oder „Aufmerksamkeitssyndrom“, dann ist das weniger peinlich, womöglich lässt sich damit sogar etwas hermachen. An der Depression könnte die genetische Veranlagung schuld sein, an der Antriebslosigkeit ist der Arbeitgeber schuld, was die Sache für einen selbst erträglicher macht. Exemplarisch dafür steht die Konjunktur der Burnout-Diagnose.

          Wieder aus der Mode

          Einige Jahre lang war das Thema in den Schlagzeilen, parallel dazu stieg die Zahl der Krankschreibungen rapide an. Wer die Diagnose Burnout bekam, der fühlte sich auch gleich erschöpft. Der Burnout-Höhepunkt war laut Zahlen der deutschen Betriebskrankenkassen um das Jahr 2011 herum erreicht. Inzwischen gehen die Fallzahlen, die von den Krankenkassen gemeldet werden, genauso rasant wieder zurück. Burn-out scheint wieder aus der Mode zu kommen. Haben wir die Krankheit besiegt oder nur die Inflation ihrer Diagnose?

          In meiner Schulzeit in den siebziger Jahren hatte es einmal geheißen, unsere Klassenlehrerin habe einen „Nervenzusammenbruch“ erlitten. Das hörte sich ziemlich dramatisch an und sollte wohl auch heißen, unsere Klasse, die Saubande, trage daran eine Mitschuld. Damals war von Nervenzusammenbrüchen oft die Rede. Heute hört man das nur noch selten. Sind unsere Nerven robuster geworden oder hat sich die Öffentlichkeit sich anderen Diagnosen zugewandt?

          Eines freilich ist gewiss: Mit dem Kapitalismus hat die Konjunktur diagnostizierter Psycho-Moden herzlich wenig zu tun. Im schwedischen Sozialstaat der Nachkriegszeit („Folksheim“), einer milden Form des Sozialismus, war laut Martin Dornes schon in den sechziger Jahren eine schwere ADHS-Epidemie ausgebrochen. Dass der Sozialismus in der DDR oder in der Sowjetunion einen herausragenden Beitrag zur Volksgesundheit geleistet habe, behaupten noch nicht einmal die schärfsten Kritiker des Kapitalismus.

          Früher war alles besser? 

          Vieles spricht dafür, dass wachsender Wohlstand positive epidemiologische Folgen hat: Es geht uns heute physisch und psychisch besser als vor hundert Jahren. Das Leben war früher viel anstrengender. Der Wirtschaftsnobelpreisträger William Fogel spricht von „physiologischem Kapital“, das der Kapitalismus seit der industriellen Revolution in breiten Schichten aufgebaut habe. In heutiger Sprache könnte man das als Resilienz bezeichnen, eine Art Widerstandsfähigkeit, die uns weniger schicksalsanfällig sein lässt, weil der Fortschritt die Welt beherrschbarer gemacht hat.

          Keine wirklich zufriedenstellende Antwort haben wir auf die Frage, warum die Menschen mehrheitlich glauben, früher sei alles besser gewesen. Der Fortschritt hat, anders als sein Name suggeriert, einen schweren Stand. Nur 32 Prozent der Deutschen glauben nach Ausweis der Allensbacher Meinungsforscher an die Zukunft: Das ist der niedrigste Wert seit fünf Jahrzehnten. Dass Gegenwart und Zukunft einem unheimlich vorkommen, ist freilich nicht ganz neu: „Nervosität“ oder „Neurasthenie“ lautete im späten 19. Jahrhundert die Diagnose, die das Bürgertum kollektiv krank werden ließ.

          Schwindel, Unwohlsein, Impotenz galten als untrügliche Symptome für den Fluch des Fortschritts. Verantwortlich dafür war nach Ansicht der Zeitgenossen unter anderem die Eisenbahn, die, dreimal schneller als die Kutsche, die Sinne der Menschen dauerhaft in Verwirrung versetze. Die erste „Deutsche Staatseisenbahn“ schaffte im Jahr 1838 die zwölf Kilometer von Braunschweig nach Wolfenbüttel in atemberaubenden 15 Minuten: Den von der Geschwindigkeit zerrütteten Nerven der Fahrgäste begegneten die Ärzte mit der Verschreibung beruhigender Entspannungsbäder.

          Wenn schon kein Lob des Fortschritts, so wenigstens ein bisschen Gelassenheit lässt sich aus solchen Geschichten ableiten, wenn wir das nächste Mal wieder hören, dass der Kapitalismus uns heutzutage besonders krank macht.

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