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Hanks Welt : Kapitalismus macht doch nicht depressiv

Wieder aus der Mode

Einige Jahre lang war das Thema in den Schlagzeilen, parallel dazu stieg die Zahl der Krankschreibungen rapide an. Wer die Diagnose Burnout bekam, der fühlte sich auch gleich erschöpft. Der Burnout-Höhepunkt war laut Zahlen der deutschen Betriebskrankenkassen um das Jahr 2011 herum erreicht. Inzwischen gehen die Fallzahlen, die von den Krankenkassen gemeldet werden, genauso rasant wieder zurück. Burn-out scheint wieder aus der Mode zu kommen. Haben wir die Krankheit besiegt oder nur die Inflation ihrer Diagnose?

In meiner Schulzeit in den siebziger Jahren hatte es einmal geheißen, unsere Klassenlehrerin habe einen „Nervenzusammenbruch“ erlitten. Das hörte sich ziemlich dramatisch an und sollte wohl auch heißen, unsere Klasse, die Saubande, trage daran eine Mitschuld. Damals war von Nervenzusammenbrüchen oft die Rede. Heute hört man das nur noch selten. Sind unsere Nerven robuster geworden oder hat sich die Öffentlichkeit sich anderen Diagnosen zugewandt?

Eines freilich ist gewiss: Mit dem Kapitalismus hat die Konjunktur diagnostizierter Psycho-Moden herzlich wenig zu tun. Im schwedischen Sozialstaat der Nachkriegszeit („Folksheim“), einer milden Form des Sozialismus, war laut Martin Dornes schon in den sechziger Jahren eine schwere ADHS-Epidemie ausgebrochen. Dass der Sozialismus in der DDR oder in der Sowjetunion einen herausragenden Beitrag zur Volksgesundheit geleistet habe, behaupten noch nicht einmal die schärfsten Kritiker des Kapitalismus.

Früher war alles besser? 

Vieles spricht dafür, dass wachsender Wohlstand positive epidemiologische Folgen hat: Es geht uns heute physisch und psychisch besser als vor hundert Jahren. Das Leben war früher viel anstrengender. Der Wirtschaftsnobelpreisträger William Fogel spricht von „physiologischem Kapital“, das der Kapitalismus seit der industriellen Revolution in breiten Schichten aufgebaut habe. In heutiger Sprache könnte man das als Resilienz bezeichnen, eine Art Widerstandsfähigkeit, die uns weniger schicksalsanfällig sein lässt, weil der Fortschritt die Welt beherrschbarer gemacht hat.

Keine wirklich zufriedenstellende Antwort haben wir auf die Frage, warum die Menschen mehrheitlich glauben, früher sei alles besser gewesen. Der Fortschritt hat, anders als sein Name suggeriert, einen schweren Stand. Nur 32 Prozent der Deutschen glauben nach Ausweis der Allensbacher Meinungsforscher an die Zukunft: Das ist der niedrigste Wert seit fünf Jahrzehnten. Dass Gegenwart und Zukunft einem unheimlich vorkommen, ist freilich nicht ganz neu: „Nervosität“ oder „Neurasthenie“ lautete im späten 19. Jahrhundert die Diagnose, die das Bürgertum kollektiv krank werden ließ.

Schwindel, Unwohlsein, Impotenz galten als untrügliche Symptome für den Fluch des Fortschritts. Verantwortlich dafür war nach Ansicht der Zeitgenossen unter anderem die Eisenbahn, die, dreimal schneller als die Kutsche, die Sinne der Menschen dauerhaft in Verwirrung versetze. Die erste „Deutsche Staatseisenbahn“ schaffte im Jahr 1838 die zwölf Kilometer von Braunschweig nach Wolfenbüttel in atemberaubenden 15 Minuten: Den von der Geschwindigkeit zerrütteten Nerven der Fahrgäste begegneten die Ärzte mit der Verschreibung beruhigender Entspannungsbäder.

Wenn schon kein Lob des Fortschritts, so wenigstens ein bisschen Gelassenheit lässt sich aus solchen Geschichten ableiten, wenn wir das nächste Mal wieder hören, dass der Kapitalismus uns heutzutage besonders krank macht.

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