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Hanks Welt : Auf den Teller statt in die Tonne

Bild: F.A.Z.

Eine kleine Fastenmeditation über die Verschwendung. Und über den Sinn und Unsinn des aufwendig eingeführten Mindesthaltbarkeitsdatums.

          Die Haltbarkeit des Waldfrüchtejoghurts, der vergangene Woche aus der hinteren Ecke unseres Kühlschranks auftauchte, war bereits am 6. Februar abgelaufen, also vor gut einem Monat. Trotz des abschreckenden Datums und mangels vernünftiger Frühstücksalternativen habe ich den Joghurt gegessen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und, was soll ich sagen: Das Milchprodukt schmeckte wunderbar frisch. „Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will die Bürger am Kühlschrank abholen“, habe ich jüngst irgendwo gelesen. Bei mir hat das funktioniert. Wir beide, Frau Klöckner und ich, sind jetzt sozusagen Küchenfreunde.

          Jeder Bürger in Deutschland wirft im Jahr durchschnittlich 55 Kilo Lebensmittel weg, beklagt Frau Klöckner. Mit der Initiative „Zu gut für die Tonne“ soll die Menge der weggeworfenen Lebensmittel bis 2030 halbiert werden. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht das Verfallsdatum“, sagt Klöckner.

          Ich verstehe bloß nicht, warum die Politik erst aufwendig die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel mit Mindesthaltbarkeitsdaten einführt, um uns hinterher einzuschwören, wir sollten diese Daten bloß nicht allzu ernst nehmen. Immerhin 14 Millionen Euro lässt sich die Politik den Kabinettsbeschluss „Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ kosten, was, unbeabsichtigt, ein Beispiel für Politikverschwendung ist: Erst gibt es Verordnungen, dann gibt es „Strategien“ zur Durchsetzung der Nichtbeachtung von Verordnungen. Wir schlagen vor, derartige Rechtskapriolen im Aktenordner „Kafka-Bürokratie“ abzulegen.

          Gewissensbisse

          Warum dürfen wir eigentlich keine Lebensmittel wegwerfen, ein Gebot, das uns seit Kindertagen eingebrannt wird? Schon die Frage klingt frivol. „Angesichts von mehr als 800 Millionen hungernden Menschen besteht Anlass zum Handeln“, sagt Julia Klöckner, meine neue Kühlschrankfreundin, über ihren Aufruf zum Aufessen. Das macht auf der Stelle ein schlechtes Gewissen: Wir leben hier in Luxus und werfen unsere Lebensmittel achtlos weg, wo die Hungernden in den armen Ländern froh wären, sie hätten etwas zu essen, um zu überleben. Es sei genug für alle da, heißt es, wenn wir es nur richtig verteilten. Bereits heute sei es möglich, mit der täglich weltweit produzierten Menge an Kalorien alle Erdenbürger zu versorgen, schreibt die Hilfsorganisation „Brot für die Welt“: Wir müssten die Kalorienträger nur gleichmäßig verteilen.

          Damals in unserem katholischen Kindergarten bei Schwester Lucila (Betonung auf der ersten Silbe) stand am Eingang ein kleines „Negerlein“ aus Keramik (oder war es Plastik?). Steckten wir Kinder ein Zehnpfennigstück in den Schlitz, nickte die Figur zum Dank, weswegen es, heute völlig unakzeptabel, „Nicknegerlein“ genannt wurde.

          Keine Ahnung, was mit dem Geld von uns Kindern passierte. Hunger und Armut in der Welt hat es jedenfalls erkennbar nicht reduziert. So ist es auch mit meinem Waldfrüchtejoghurt. Wenn ich ihn aufesse, anstatt ihn wegzuwerfen, werde zwar ich, aber kein einziger Hungernder in Afrika satt. Dass wir das trotzdem glauben, hängt mit dem religiös begründeten Respekt vor der Nahrung („Unser täglich Brot gib uns heute“) zusammen und der Vorstellung, das Welternährungsproblem könne man in der gleichen Weise lösen, wie die Mutter den Sonntagskuchen auf die Familienmitglieder aufteilt.

          Was Wassersparen wirklich bringt

          Wie mit dem Hunger, so ist es auch mit dem Durst. Wir müssten Wasser sparen, damit andernorts die Trockenheit gelindert und die Felder bewässert werden könnten, heißt es. „Können Sie sich vorstellen, wie viele Tonnen Handtücher weltweit jeden Tag umsonst gewaschen werden?“, lese ich in jedem Hotelbadezimmer auf der Welt. „Handtücher auf dem Boden bedeutet: Bitte waschen. Handtücher auf dem Haken bedeutet: Bitte nicht waschen, ich benutze sie weiter.“

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