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Hanks Welt : Die DDR lebt – und das ist gut so

Bild: F.A.Z.

Im Osten war nicht alles schlecht. Polikliniken sollten Schule machen.

          Neulich, beim Versuch, mich einem neuen Arzt vorzustellen, stieß ich auf einen unerwarteten Engpass der deutschen Gesundheitsversorgung. In der ersten Arztpraxis, bei der ich anklopfte, kam ich an jemanden, der nur zufällig am Telefon war und mir empfahl, mich in drei Tagen wieder zu melden. So lange wollte ich nicht warten. Bei der zweiten Praxis landete ich erst in der Warteschleife, erhielt Stunden später immerhin einen Rückruf und einen Termin (samt schriftlicher Bestätigung) in zumutbarer Zeit. Als ich frühmorgens und mit nüchternem Magen pünktlich zur Stelle war, stellte sich heraus, dass man vergessen hatte, den Termin zu notieren und der Arzt an jenem Tag gar nicht im Hause war.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Missgeschicke neigen dazu, Ketten zu bilden. Doch hier scheinen wir einem Systemfehler auf der Spur zu sein. Es geht um das Bodenpersonal in den Praxen, die heute politisch korrekt „medizinische Fachangestellte“ (MFA) heißen. Früher nannte man sie Arzthelferinnen. Sie werden knapp und offenbar zunehmend durch ungelerntes Personal ersetzt. MFAs vereinbaren Arzttermine, assistieren dem Arzt, nehmen Blut ab, legen Verbände an und beruhigen hysterische Patienten. Sie sind eine Stütze des Systems.

          Diese Stütze wackelt. Dass wir in Deutschland keinen Ärztemangel haben, dafür aber eine akute Knappheit an nichtärztlichem Personal, bestätigt ein kurzer Blick in das OECD-Standardwerk „Health at a Glance“ (eine nüchterne Publikation, deren Lektüre man im lobbyistisch verminten Gesundheitswesen nicht genug empfehlen kann). Deutschland steht zwar nach wie vor mit einem Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt von elf Prozent an dritter Stelle der OECD nach den Vereinigten Staaten und der Schweiz und hat eine überdurchschnittliche und weiter wachsende Dichte von Ärzten.

          Ein guter Arzt muss kein guter Kaufmann sein

          Doch beim nichtärztlichen Personal rangieren wir unter dem Durchschnitt: Auf 100.000 Deutsche kommen hierzulande elf medizinische Helfer, Pfleger und Schwestern. In Irland sind es 23. Ähnlich unterdurchschnittlich sieht es bei der Bezahlung der Fachkräfte aus. Vom deutlich überdurchschnittlichen Gesundheitsbudget, das wir Deutschen uns leisten, sahnen die Ärzte den größten Teil für sich ab.

          Nun spielen meine Erlebnisse mit den MFAs nicht etwa auf dem flachen Land, wo es mit der medizinischen Versorgung bekanntlich nicht so gut läuft, sondern mitten in der Großstadt Frankfurt. Dort allerdings ist der Wettbewerb besonders groß und wer nur Tariflohn zahlen will oder kann, steht am Ende ohne Personal da. Mit 1884 Euro im Monat als Einstiegsgehalt für die medizinischen Fachangestellten wird es angesichts steigender Mieten und teurer Spritpreise tatsächlich eng. Deutlich mehr Geld gibt es für dieselben Tätigkeiten in den Krankenhäusern (2340 Euro), bei den Kassenärztlichen Vereinigungen oder bei den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Die schnappen den niedergelassenen Ärzten die Leute weg.

          Medizinische Versorgungszentren sind schon seit langem der Feind der Allgemeinmediziner alter Schule. Sie sind so etwas wie kleine Arztfabriken und darin – neben dem Rotkäppchen Sekt – eine der wenigen Erbschaften aus der DDR, wo sie unter dem Label „Polikliniken“ firmierten. Die DDR-Herkunft bietet denn auch für die Ärzte bis heute das naheliegende Argument zur Polemik gegen sozialistische Strukturen im Gesundheitswesen. Allerdings zu Unrecht.

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