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Hanks Welt : Das kalte Herz der Kapitalisten

Wer opfert Mäuse für Geld? Armin Falk hat dazu ein Experiment durchgeführt. Bild: dpa

Verdirbt das Wirtschaftsstudium den Charakter? Studien liefern dafür keinen Beleg. Stattdessen schärft die Ökonomie den Sinn für die Realität.

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          Der Homo Oeconomicus hat keinen guten Leumund. Er gilt als egoistisch, nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Großzügigkeit und Barmherzigkeit seien ihm fremd, heißt es. Er hat ein kaltes Herz.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe hat seiner Geschichte des Kapitalismus den Titel „Das kalte Herz“ gegeben. Wilhelm Hauffs gleichnamiges Märchen von 1827 wurde nicht erst von der DDR-Germanistik als Parabel auf den aufkommenden Kapitalismus gelesen, auch wenn es noch ganz in einer vorindustriellen Welt von Köhlern, Holzfällern und Flößern spielt. Immer schon war das steinerne Herz ein Sinnbild eines sündigen, gegen Gott verstockten Gemüts. Wie bei Goethe im zweiten Teil des „Faust“ stammt auch bei Wilhelm Hauff das Geld aus einem Pakt mit dem Teufel. Es blendet und verführt, führt letztlich ins Verderben. Herzenskälte konnotiert zudem mit Frigidität und Unfruchtbarkeit. „Mutter, oh weh! Dein hartes Herz“, klagen die Ungeborenen in Hugo von Hofmannsthals „Die Frau ohne Schatten“.

          Ignoranz hilft nicht

          Das Studium der Ökonomie wäre in diesem Sinn eine Sozialisationsagentur frigider Herzenskälte. Altruisten werden zu Egoisten zwangskonvertiert, die alles und jedes einem Kosten-Nutzen-Kalkül unterziehen. Die Spieltheorie belehrt sie darüber, dass sich Kooperation nicht auszahlt. Für das Gemeinwohl werde die „unsichtbare Hand“ schon sorgen. „Welch ein Irrtum“, höhnen die Kritiker des Kapitalismus und verweisen auf Ungleichheit, Armut, Ungerechtigkeit in der Welt.

          Liberale Ökonomen haben sich gegen solche Zerrbilder gewehrt. In seiner berühmten Rektoratsrede vom 1. Februar 1867 im schottischen St. Andrews kommt der Philosoph John Stuart Mill auf jene Leute zu sprechen, die Studenten vor dem Studium der politischen Ökonomie warnen: Herzlos, gefühllos konfrontiere das Fach einen mit unerfreulichen Fakten.

          Mill kontert mit Verweis auf die Physik: Das bei weitem Gefühlloseste, was er kenne, sei das Gesetz der Gravitation. „Es bricht den Besten von uns das Genick, wenn sie auch nur für einen Moment meinen, es ignorieren zu können.“ Auch Wind und starke Wellen könnten ziemlich unerfreulich sein, fährt Mill fort. Aber sollen wir deswegen die Seefahrer anweisen, die Existenz von Wind und Welle zu ignorieren? Wäre es nicht besser, die Naturgesetze zu studieren, um uns gegen die Gefahren zu wappnen?

          Der Analogieschluss lautet: „Studiert die Schriften der ökonomischen Klassiker und behaltet davon, was euch wahr dünkt. Das Studium der Ökonomie wird euch keinesfalls zu Egoisten machen, es sei denn, ihr wäret schon vorher verhärtet oder egoistisch gewesen.“

          Kapitalisten töten Mäuse

          Ob Kapitalismus, Marktwirtschaft und das Studium der Ökonomie das Herz der Menschen verhärten, lässt die Denker bis heute nicht los. Allerdings reicht Spekulation nicht mehr aus. Der Zeitgeist verlangt zwingend Empirie.

          Berühmt geworden sind die Experimente des Bonner Verhaltensökonomen Armin Falk. „Kapitalisten töten Mäuse“, so kann man seine These etwas marktschreierisch zusammenfassen. Das Design: Labormäuse, die sterben sollten, bekamen die Chance, zu überleben, wenn die Versuchsteilnehmer in einem Experiment bereit waren, auf Geldgeschenke zu verzichten.

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