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Hanks Welt : Darf man Bücher wegwerfen?

Bild: F.A.Z.

Über die bürgerliche Ordnung und die Qual des Ausmistens.

          Früher, also während des Studiums und der frühen Berufsjahre, dachte ich: Je älter man würde, umso mehr Bücher müsste man haben. Es macht stolz, eine eigene Bibliothek aufzubauen. Bücher im Arbeits- und Wohnzimmer sind das Eintrittsbillet in das Reich des Bildungsbürgers. Sie verschaffen, wie sie so dastehen und sich vermehren, ein kleines Glücksgefühl: „Warte nur, dich werde ich eines Tages auch noch lesen.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch irgendwann kippt es. Die häusliche Bücherwelt wird unübersichtlich, der Platz knapp, die Stapel schwanken gefährlich. Für die vielen Bücher neue Räume anzumieten, wäre eine Art von Snobismus, das muss man sich in Zeiten von Immobilienblasen und Wohnungsknappheit leisten können. Deshalb ist es uns zum Ritual geworden, zwischen den Jahren Bücher auszumustern. Jedenfalls seit wir die moraltheologische Grundsatzfrage, ob es erlaubt sei, sich von Büchern zu verabschieden, im Grundsatz positiv beantwortet haben (freilich mit bleibend schlechtem Gewissen): Ja, du darfst! Das bringt neben der Scham auch ein Gefühl der Befreiung.

          Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten, Bücher zu entsorgen. Man kann versuchen, sie zu verkaufen, man kann sie verschenken, man kann sie in die Tonne hauen. Wegwerfen ist Ultima Ratio, verschenken ist schwierig: Wie viele Gelehrte kennen wir, die bettelnd von Universität zu Universität laufen. Am Ende ist der alte Stolz auf die schöne Sammlung dahin! Und in den öffentlichen Bücherschränken, die auf der Straße herumstehen, herrscht längst ein Überangebot.

          Höhere Preise für den Antikapitalismus

          Seit Gründung des Online-Händlers Momox ist es wieder einen Versuch wert, alte Bücher zu verkaufen. Die Firma kombiniert erfolgreich das Grundprinzip der Marktwirtschaft mit den Möglichkeiten des Datenkapitalismus. Man muss nur den Barcode des Buchs einscannen oder die ISBN-Nummer eintippen – und schon sagt der Algorithmus in Sekunden, ob er das Buch interessant findet und wenn ja, wie viel Geld es bringt.

          Das Bauprinzip dieses Algorithmus hütet Momox als Geheimnis („unser Coca-Cola-Rezept“), das aber so kompliziert dann auch wieder nicht ist. „Im Kern richtet sich der Preis nach Angebot und Nachfrage“, verkündet Momox-Chef Heiner Kroke. Tröstlich, dass so ein kluger Algorithmus über die Grundformel der Preisbildung in einer Marktwirtschaft auch nicht hinauskommt. Momox weiß, wie viele Exemplare meines Buches auf Lager sind (insgesamt lagern dort neun Millionen Bücher), und wertet die Wiederverkaufszahlen aus. Es lassen sich Lehrbucherfahrungen machen über den Unterschied zwischen Wert und Preis. Und darüber, dass sich der Preis im Kapitalismus ausschließlich danach bemisst, was einer zu zahlen bereit ist – unabhängig vom geistigen Gehalt oder der Arbeitsstunden, die zur inhaltlichen Verfertigung eines Buches aufgewandt wurden.

          Das wird der Grund dafür sein, warum Momox bei unserer diesjährigen Räumungsaktion die alte Ausgabe von Goethes Wahlverwandtschaften verschmähte, für Anke Stellings relativ belanglosen Roman „Bodentiefe Fenster“ aber immerhin 1,03 Euro bot. Kränkend fanden wir auch, dass Antikapitalismus (sogar die Marx-Biographien des Jubiläumsjahrs 2018) generell höhere Preise erzielt als Liberalismus und Artverwandtes. Besonderes Verkaufsglück hatten wir mit dem Titel „Romantischer Antikapitalismus“ (die Kombination zweier urdeutscher Lieblingsbegriffe), der stolze 12,18 Euro abwarf. Und mit dem Londoner Starkoch Yotam Ottolenghi („Genussvoll vegetarisch“), für den es sogar 12,25 Euro gab.

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