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Hanks Welt : Müssen wir noch lange mit hoher Inflation leben?

Auch im Supermarkt sind die gestiegenen Preise deutlich zu spüren. Bild: dpa

Ob die Inflation zum Dauerzustand wird, ist heftig umstritten. Eine Zwischenbilanz.

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          Versetzen wir uns ein Jahr zurück: Ende 2020, nach einem knappen Jahr Pandemie, waren viele Fachleute der Meinung, Inflation sei kein Thema (mehr). Ihr Argument: Obwohl seit der Finanz- und Eurokrise, also seit mehr als zehn Jahren, die Zentralbanken auf der ganzen Welt die Märkte mit enormen Geldsummen fluten, hat sich an den Preisen der Güter und Dienstleistungen kaum etwas geändert. Nicht der Inflation, sondern der Deflation galt die Sorge. Inflation, so die Vermutung damals, bleibe ein Ausreißer der Weltwirtschaftsgeschichte – begrenzt auf das kurze 20. Jahrhundert. In den Jahrhunderten zuvor stiegen die Preise nicht nur extrem langsam, sondern stagnierten sogar über lange Zeit.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So kann man sich täuschen. Die USA melden für 2021 eine Teuerungsrate von 6,8 Prozent. Im Euroraum sind es knapp 5 Prozent; in Deutschland waren es im Dezember 5,3 Prozent. Man muss Jahrzehnte zurückblicken, um vergleichbare Inflationsgeschwindigkeiten zu finden. Die EZB mühte sich jahrelang, die Inflation auf „nahe zwei Prozent“ hochzudrücken, weil sie das für eine Voraussetzung stabiler Preise hält. Und was macht nach langem Dämmerschlaf die Inflation? Sie hält sich nicht an die Ziele von Frau Lagarde, sondern schießt gleich mehr als doppelt so hoch.

          Weil eine jüngere Generation ohne die Erfahrung von Inflation groß geworden ist, seien hier zwei einfache Fragen dazwischengeschoben: Was ist Inflation? Und was ist so schlimm daran? Die klassische Definition lautet: Zu viel Geld trifft auf zu wenige Güter. Oder, mit Milton Friedman: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.“ Schlimm? Klar, wir können uns dann weniger leisten als zuvor, und das Sparguthaben schrumpft. Doch gesetzt den Fall, dass im selben Takt auch unsere Löhne, Renten, Aktien oder Immobilien sich verteuern, wäre das doch zu verkraften. Ein Haus- oder Autokredit tilgt sich am Ende sogar mit weniger Aufwand, wenn es Inflation gibt.

          Wie immer gibt es Gewinner und Verlierer

          Wie immer im Leben gibt es auch bei der Inflation Gewinner und Verlierer. Doch Verluste fühlen sich übler an als Gewinne, sagt die Verhaltensökonomie. Während die Menschen steigende Gehälter als fairen Lohn für ihre Arbeit werten, erscheinen uns höhere Preise beim Friseur oder im Autohaus als freche Willkür. Wer erwartet, dass alles teurer wird, zieht größere Anschaffungen vor und heizt – unbeabsichtigt – die Inflation nur noch an.

          Geht das bald vorbei? Oder müssen wir noch lange mit der Teuerung leben – schlimmstenfalls sogar mit noch höheren Preissprüngen? Die Ökonomenwelt ist gespalten. Es haben sich zwei Teams gebildet. Die Optimisten, nennen wir sie einmal so, versammeln sich unter #TeamTransi­tory, die Pessimisten unter #TeamPersistent. Beide Teams schicken ihre besten Leute in den Kampf; und anders als sonst, finden sich zum Beispiel in beiden Teams kluge Keynesianer. Ich fasse die wichtigsten Argumente zusammen, damit wir am Ende einen Punktestand notieren können.

          Team Transitory verweist auf die Pandemie

          Zunächst „Team Transitory“. Dort verweist man auf die Pandemie. So wie die Pandemie vorübergeht, so werde auch die Inflation als ihre Folge bald vorbei sein. Dass es derzeit zu Lieferengpässen komme, sei kein Wunder: Gibt es bei den Vorprodukten für eine deutsche Maschine irgendwo in Asien Corona-Infektionen, stockt die Fertigung, die Produzenten können die Produkte nicht auf die Reise schicken. Und das gerade in einer Zeit, in der die Leute verstärkt Güter statt Dienstleistungen nachfragen, was auch ein Grund für höhere Energiepreise ist. Symbol dafür sind die Peloton-Heimtrainer, die boomen, weil die Fitness-Studios geschlossen haben oder der Besuch dort zu riskant ist.

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