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Hanks Welt : Beten hilft nicht mehr

Solomon Eccles (1618-1683), ein Quäker, versucht sich an einem Ritual und Straßengebet, um die Pest von sich fernzuhalten. Bild: Picture-Alliance

Unsere Gesundheit hat mehr mit dem Kapitalismus zu tun, als wir vielleicht vermuten. Und „Schicksal“ sind Pandemien schon lange nicht mehr.

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          Als im April 1348 die Pandemie auch in Katalonien angekommen war, verfasste der Arzt Jacme d’Agramont eine kleine Schrift mit dem Titel „Maßnahmen zum Schutz vor der Pest“. Die Fachwelt war sich einig darüber, dass die Ursachen der tödlichen Krankheit nicht nur einer himmlischen Feindschaft zwischen Mars und Jupiter zuzuschreiben seien, sondern auch als Folge des sündhaften Lebens der Menschen verstanden werden müssten: Zur Strafe hat Gott die Luft vergiftet. Deshalb hält der Mediziner d’Agramont es für unerlässlich, dass die Menschen jetzt rasch ihre Sünden beichten und beten, um den Allmächtigen versöhnlich zu stimmen. Zusätzlich ordnete der Arzt eine ganze Reihe weltlicher Vorbeugemaßnahmen an: so wenig wie möglich trinken und essen; Aal, Ente und Spanferkel sollten gänzlich gemieden werden. Gewarnt wird auch vor Bädern und vor Sex, weil dadurch die Poren der Haut geöffnet würden und die vergiftete Luft in den Körper eindringen könne.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Spencer Strub, ein Mediävist, der an der Harvard-Universität unterrichtet, hat vorige Woche in der „New York Times“ an Jacme d’Agramont erinnert, um zu zeigen: Die traumatische Erfahrung kollektiver Verwundbarkeit gehört zur Menschheitsgeschichte. Was auch dazugehört, ist die Versuchung, einen Sündenbock zu finden, der die Seuche angeschleppt hat. Im Mittelalter galten „Fremde, Prostituierte, Juden und die Armen“ als Kandidaten. Heute bezichtigen Amerika und China einander, für die Corona-Pandemie verantwortlich zu sein. Man muss wohl skeptisch bleiben gegenüber der romantischen Vorstellung dieser Tage, die Pandemie löse vor allem eine Welle der Solidarität aus. Sie löst mindestens gleichzeitig auch Egoismus, Nationalismus und Wellen des Autoritarismus aus.

          Die Strukturähnlichkeiten traumatischer Pandemie-Erfahrungen in der Geschichte können indessen nicht die großen Unterschiede zwischen damals und heute einebnen. Im Mittelalter war die Nähe zwischen Magie, Medizin und Scharlatanerie groß. Heute fällt es selbst in der katholischen Kirche nur noch wenigen ein – dem Churer Bischof Marian Eleganti zum Beispiel –, die Corona-Krise als Strafe Gottes zu labeln und eine umgekehrte Korrelation zwischen Infizierten und frommen Gläubigen zu behaupten. Gründe zu beten mag es auch in unserer säkularen Welt geben, die Zuständigkeit für Seuchen freilich ist an Virologen und Epidemiologen übergegangen: ein Segen für die Menschheit.

          Früher war Gesundheit ein Privileg der Oberschicht

          Dass es so kam, verdanken wir einem evolutiven Prozess, der gespeist wird aus wissenschaftlicher Neugierde, medizinischem Erfolg und kapitalistischer Fortschrittsdynamik. Der Konnex ist leicht zu erkennen, wirft man einen Blick auf die Daten und Kurven, die der in Oxford arbeitende deutsche Ökonom Max Roser auf seiner Internetseite „Our world in data“ bereithält. Es ist keinesfalls so, dass der medizinische Fortschritt linear seit dem Mittelalter über uns gekommen wäre. Grob gesagt waren die meisten Menschen bis zum Jahr 1800 bettelarm, sie hatten eine geringe Lebenserwartung (wenn sie nicht schon gleich bei der Geburt starben) und waren ständig krank. Bloß eine kleine Oberschicht konnte sich ein schönes, gesünderes und angenehmes Leben leisten.

          Erst mit der industriellen Revolution, der Einführung des Kapitalismus auf breiter Front im 19. Jahrhundert, änderte sich alles radikal. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa lag im Jahr 1800 bei 40 Jahren, heute ist sie doppelt so hoch. Zugleich haben sich die Unterschiede der Lebenserwartung zwischen Arm und Reich innerhalb eines Landes deutlich verringert. Je wohlhabender ein Land ist, desto mehr Gesundheit leistet man sich.

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