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Hanks Welt : Wer klatscht, soll zahlen

Bewohner eines Hauses in Köln stehen im März 2020 auf ihrem Balkon und klatschen Beifall für Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Bild: dpa

Die Corona-Krise hat die Debatte entfacht, nach welchem Kriterium Arbeit entlohnt werden soll. Nach Systemrelevanz oder nach Bildung?

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          Nie werde ich die Bilder der leeren, tomatenverschmierten Pizzakartons aus dem Kopf kriegen, die während des Lockdowns rund um die Parkbänke verstreut lagen. Es ist mein Bild der Corona-Krise. Ich sah die Pappwüste, wenn ich abends noch einmal eine Runde mit dem Fahrrad drehte. Doch wenn ich frühmorgens wiederkam, waren die Abfallberge weggeräumt; die Müllabfuhr war schon dagewesen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jeder hat so seine eigenen Corona-Helden. Für mich sind es die Müllmänner (ich glaube, bei uns sind es wirklich nur Männer, keine Frauen darunter). Verlässlich holen sie ab, was die Haushalte ausscheiden und trennen – Corona hin, Corona her: Verpackungen in die gelbe Tonne, Obst, Gemüse und Blumen in die braune, Zeitungen in die grüne. Der Rest landet in der grauen Tonne. Und wenn die Nachbarn ihre Bücherregale entsorgen, rückt die Sperrmüllbrigade an. So sieht Daseinsvorsorge im Sozialstaat aus.

          An die Müllmänner muss ich denken, seit Verdi, die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, für höhere Löhne ihrer Klientel streitet und streikt. 4,8 Prozent mehr sollen es sein. Ganz schön üppig, zumal in Zeiten ohne Teuerung. „Klatschen allein reicht nicht“ lautet die Kampfesformel, die an den Applaus erinnert, den die Bürger in den Lockdown-Wochen dem medizinischen Personal, aber auch den Kassiererinnen im Supermarkt und den Erzieherinnen in den Kitas gespendet hatten.

          Warum werden systemrelevante Tätigkeiten nicht herausragend bezahlt?

          Diese Berufe hat man damals für „systemrelevant“ erklärt, gekoppelt an die Frage, warum, was systemrelevant ist, nicht herausragend bezahlt werde. Werden systemrelevante Tätigkeiten von der Gesellschaft tatsächlich wenig gewürdigt? Da hilft ein Blick in das Tarifarchiv der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung und die Zahlenreihen des Statistischen Bundesamtes. Generell können sich die privat und öffentlich beschäftigten Arbeitnehmer in Deutschland derzeit nicht beschweren. Im vergangenen Jahrzehnt haben sich ihre Einkommen nominal um 1,6 und real um 1,4 Prozent verbessert. In den davorliegenden zwanzig Jahren sah es vergleichsweise mau aus.

          Der Lohnanstieg im öffentlichen Dienst verlief mehr oder weniger im Gleichschritt mit der Privatwirtschaft. Die meisten öffentlichen Teilbranchen konnten ihren Rückstand inzwischen wettmachen. Die Gehälter der „systemrelevanten“ Erzieher haben sich seit 2009 um 56 Prozent erhöht. Das klassische Argument von Verdi und Co., der öffentliche Dienst müsse finanziell attraktiv werden, sonst fände er keine Leute, sticht nicht: Seit 2007 ist die Zahl der öffentlich Beschäftigten um fast eine halbe Million Arbeitnehmer auf 4,9 Millionen angewachsen. Also weder kaputtgespart noch geschrumpft.

          Eine systematische Benachteiligung gibt es nicht

          Das alles lässt sich auch belegen mit den durchschnittlichen Bruttostundenvergütungen: Da liegt das private produzierende Gewerbe im ersten Quartal des Jahres bei 23,80 Euro, der öffentliche Dienst mit 23,90 Euro sogar geringfügig drüber. Wer im Gesundheitsbereich beschäftigt ist, kann im Schnitt 26 Euro erwarten. Deutlich schlechter stellen sich meine Müllmänner: Sie bringen es lediglich auf knapp 17 Euro.

          So viel steht damit fest: Eine systematische Benachteiligung systemrelevanter öffentlicher Dienste gibt es nicht. Aber natürlich gibt es Berufe, für die deutlich mehr gezahlt wird: Finanzleute zum Beispiel (ein bisschen systemrelevant sind die freilich auch, wie wir seit der großen Finanzkrise 2008 wissen) oder Apotheker, die natürlich erst recht systemrelevant sind. Aber warum verdienen sie so viel mehr als Krankenschwestern?

          Es führt wohl doch in Teufels Küche, wenn man die Höhe der Bezahlung von der Systemrelevanz abhängig machen will. Müsste eine Kassiererin in der Lebensmittelabteilung dann mehr bekommen als die Kassiererin bei den Sportartikeln? Warum kriegen meine Müllmänner weniger als die Krankenschwestern? Womöglich aus egoistischen Gründen: weil mir meine Gesundheit wichtiger ist als mein Abfall. Aber die Arbeit der Müllmänner ist womöglich körperlich schwerer als die der Krankenschwestern? Und was ist mit jenen Krankenschwestern, die in den Lockdown-Zeiten gar nichts zu tun hatten, weil außer Corona-Patienten niemand sich traute, krank zu werden

          Üppige Bildungsrendite in Deutschland

          Man muss die Idee der Entlohnung nach Systemrelevanz derart ins Absurde führen, um sich von ihr zu verabschieden. Aber wonach soll sich dann die Bezahlung richten? Viele propagieren das meritokratische Prinzip, also die Bezahlung nach Leistung. Leistung wird dabei meist mit Bildung gleichgesetzt.

          Wer von der Harvard Business School kommt, wird von seinem Arbeitgeber mit offenen Armen und üppigem Gehalt empfangen. Wer noch nicht einmal die Hauptschule schafft, kommt in seinem Leben finanziell meist auf keinen grünen Zweig. Die sogenannte Bildungsrendite fällt hierzulande üppig aus: Nichtakademiker erzielen ein durchschnittliches Lebenseinkommen von 1,8 Millionen Euro. Akademiker mit Master-Abschluss kommen auf 2,9 Millionen Euro, erhalten mithin einen Bildungszuschlag von 1,1 Millionen Euro.

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          Ist Meritokratie fair? Daran gibt es Zweifel. Einige davon leuchten mir ein. Anführer der neuen Anti-Meritokraten ist – ausgerechnet – ein Philosophie-Professor aus Harvard namens Michael Sandel. Er sagt: Kognitive Intelligenz wird überbewertet, während etwa emotionale Intelligenz keinen Einkommenseffekt hat. Die üppigen Belohnungen, die der Markt den Studierten beschert, und die magere Bezahlung, die er Arbeitern ohne akademischen Abschluss bietet, sei nicht gerechtfertigt. Meritokratie könne nicht als Maß für das Gemeinwohl dienen. Das „Zeitalter der Meritokratie“ habe den Arbeitern ihre Würde genommen, so Sandel: Die Idee der Meritokratie moralisiert Einkommens- und Statusverteilung. Das führt fast zwingend in die Sackgasse einer Systemrelevanzdebatte.

          Wo sich Sandel und Hayek treffen

          Tatsächlich trifft sich Sandel, ein linker Autor, in seiner Kritik an der Meritokratie mit dem liberalen Ökonomen Friedrich August von Hayek. Dessen zentrales Argument: Meritokratie gibt den akademischen Eliten das Gefühl, sie hätten auch moralisch verdient, was sie finanziell verdienen. Es gibt zugleich den Nichtakademikern das Gefühl, sie seien selbst schuld an ihrem geringen Einkommen. Markteinkommen werden durch die Meritokratie moralisch aufgeladen. Wenn Leistung Einkommen und Status bestimmen, dann müssten umgekehrt Einkommen und Status sichtbar machen, was einer geleistet hat. Das stimmt nicht, überfordert die Menschen und entzieht ihnen das Recht, Misserfolge und Scheitern anderen Umständen (Pech, bösen Gegenspielern, falschen Genen) zuzuschreiben.

          Was soll man daraus schließen? Darin unterscheiden sich Sandel und Hayek. Sandel identifiziert den Markt als Bösewicht der Meritokratie, will ihn deshalb am liebsten abschaffen, zumindest aber domestizieren. Hayek sieht klarer, dass der Arbeitsmarkt vielen Zufällen gehorcht: Das Wissen darum verhindert, dass einer, der es auf einen gutbezahlten Job geschafft hat, dies auch noch als moralisches Verdienst überhöht. Weder sind die Besserverdiener bessere Menschen noch sind die Bezieher mittlerer Einkommen Minderleister. Millionär zu sein ist keine moralische Auszeichnung.

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