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Hanks Welt : Warum Musik und Markt gut zueinander passen

Blick über Lübeck Bild: dpa

Mit Musik lässt sich viel Geld verdienen, das wussten schon die Lübecker zur Hanse-Zeit. Auch sonst lässt sich viel von der Hanse lernen – zum Beispiel, was wichtiger ist für wirtschaftlichen Erfolg als nationale Champions.

          Die sogenannten Abendmusiken in Lübeck gelten als älteste Konzertreihe der Welt. Sie gehen zurück auf Franz Tunder (1614 bis 1667), einen pausbäckigen Mann mit barocker Perücke, der seit 1641 als Organist an St. Marien wirkte, der Mutterkirche norddeutscher Backsteingotik. Tunder, so heißt es, habe die Chance erkannt, durch Konzerte eigens für die Kaufleute der Stadt sein Budget aufzubessern. Jeden Donnerstag spielte er vor Öffnung der Börse zum Vergnügen der Bürger auf seiner Orgel. Kirche und Börse grenzen aneinander. Da es damals noch keine öffentlichen Konzertsäle gab, war St. Marien in der Stadt der repräsentativste Raum zum Musizieren.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Lübecker Kantor Caspar Ruetz hat ein Jahrhundert später folgendes berichtet: „Es soll die Bürgerschaft, ehe sie zur Börse gegangen, den löblichen Gebrauch gehabt haben, sich in St. Marien zu versammeln. Dort hat der Organist ihnen zur Zeit-Kürzung etwas auf der Orgel vorgespielet, um sich bei der Bürgerschaft beliebt zu machen. Von einigen reichen Leuten, die Liebhaber der Musik gewesen, ist der Organist beschenket worden. Dadurch ist er angetrieben worden, zunächst einige Violinen, und dann auch Sänger dazu zu nehmen, bis endlich eine starke Musik daraus geworden ist.“

          Musik, Markt und Moral

          Die Entdeckung der Geschichte der „Abendmusiken“ aus dem Geist des norddeutschen Börsenhandels – anlässlich einer kleinen Reise in die Hansestadt Lübeck – soll österlicher Anlass sein, über den Zusammenhang von Musik, Marktwirtschaft und Moral nachzudenken. Auffallend ist zunächst: Die in Marien aufgeführte Musik begann offenbar bereits im 17. Jahrhundert sich aus dem religiösen Kontext als Dienerin des Glaubens zu lösen. Die von Franz Tunder angebotenen Konzerte fanden zwar in der Kirche, aber nicht im Gottesdienst statt. Konsequent scheint denn auch ihr Zweck zum Zeitvertreib der Kaufleute und Börsenhändler im Vordergrund gestanden zu haben und die gläubige Erbauung eher zweitrangig gewesen zu sein. Man kann getrost von Unterhaltungsmusik sprechen.

          Das bestätigt die Vermutung, dass die Säkularisierung ein Prozess der Verweltlichung ist, der bereits lange vor der eigentlichen Aufklärung als Autonomiebewegung musikalischer Ästhetik sich entwickelte. Die Musik bleibt in der Kirche, löst sich aber aus dem religiösen Kontext – und entwickelt sich fort: die offenbar beachtliche Einnahmen generierende Konzertreihe in St. Marien macht Schritt für Schritt aus dem Soloauftritt der Orgel ein ganzes Orchester nebst Chor, was vermutlich positive Rückwirkung auf die Einnahmen hatte. Es waren wirtschaftlich erfolgreiche Bürger, großzügige Sponsoren, denen wir „starke Musik“ verdanken.

          Ein Jahrhundert später begannen die Komponisten, listig möchte man sagen, religiöse Werke zu schreiben, die für den gottesdienstlichen Einsatz gar nicht mehr geeignet waren. Die kompositorische Anlage von Johann Sebastian Bachs H-Moll-Messe überschritt die Gegebenheiten der regulären lutherischen wie katholischen Liturgie bei weitem – allein schon angesichts ihrer Aufführungsdauer von fast zwei Stunden.

          Die Stadt zu einem permanenten Marktplatz zu machen war die Idee der Hanse: ein Verbund von stolzen und selbstverwalteten Bürgerstädten, in dem Lübeck („civitas Lubeke“) die zentrale Rolle spielte. Markt, Messe und Musik waren auf Tuchfühlung. Kirche und Börse sind in Lübeck einen Katzensprung voneinander entfernt. Als zentral für die Hanse gelten jene städtische Freiheiten („libertates“), mit denen die Bürger Recht selbst setzten und sich autonom regierten.

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