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Ausgebeutete Arbeitnehmer? : Der Markt ist klüger als die SPD

Geht es Arbeitnehmern wirklich so schlecht? Bild: dpa

Arbeitnehmer haben heute so viel Macht wie selten zuvor. So manchen Arbeitgeber treiben sie gar zur Verzweiflung. Nur: Wer sagt das jetzt den Sozialdemokraten? Die sprechen weiter von Gerechtigkeitslücken, die geschlossen werden müssen.

          Hört man sich bei den Sozialdemokraten um, so tun sich in unserem Land lauter Gerechtigkeitslücken auf. Das Gute an Gerechtigkeitslücken ist, dass sie geschlossen werden müssen, mithin viel Betätigungsmöglichkeiten bieten für Politiker, denen die Wähler davonlaufen – wenngleich unsicher ist, ob diese sich durch das Lückenstopfen zurückholen lassen. „Ein neuer Sozialstaat für eine neue Zeit“, heißt das Programm der SPD, das vergangene Woche vorgestellt wurde. Da erfahren wir zum Beispiel, dass der Mindestlohn viel zu niedrig ist, dass das Einkommen im Alter hinten und vorne nicht reicht und dass unseren Kinder die Armut droht.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Auch den Arbeitnehmern, die mehr verdienen als den Mindestlohn, scheint es ziemlich dreckig zu gehen: Sie haben keine starken Gewerkschaften mit Tarifverträgen mehr an ihrer Seite, werden als Solo-Selbständige in der modernen Plattformwirtschaft von ihren Arbeitgebern ausgebeutet und dürfen sich noch nicht einmal ins Homeoffice zurückziehen, wenn ihnen danach ist. Es ist ein Elend, das dringend humanisiert werden muss, und zwar gründlich – durch einem neuen Sozialstaat, in dem dann die SPD regiert.

          Hört man sich bei Arbeitgebern oder Führungskräften in Unternehmen oder großen Einrichtungen um, tut sich eine ganz andere Welt auf. Hier wird ebenfalls laut geklagt, aber über ganz andere Dinge: Ein Maschinenbauunternehmen im Südwesten will seinem begabten Nachwuchs Karrierechancen bieten und seine toll ausgebildeten Ingenieure in die Welt hinausschicken. Aber die wollen nicht. Warum? Weil man sich gerade stadtnah ein kleines Häuschen gekauft hat und die Nachbarn so nett sind. Und weil das zweite Kind unterwegs ist. Oder weil das Klima in China nicht so gut ist wie im Südschwarzwald. Die ärztliche Leiterin einer großen Klinik klagt darüber, dass sie keine Oberärztin findet. Zwar gebe es viele fachlich bestens geeignete Kandidatinnen. Doch die scheuten die Führungsverantwortung und die zeitlichen Anforderungen und verabschiedeten sich lieber in die nächste Eltern- oder Teilzeit.

          Die Jungen nutzen ihre Macht

          Für all das mag es respektable Gründe geben, darum geht es hier nicht. Es geht um eine Umwertung der Wertehierarchie in einer jüngeren Kohorte von Arbeitnehmern, die man etwas grob als „Generation Y“ zu bezeichnen pflegt. Sie wissen um ihren Qualifikationswert und darum, dass ihre relative Knappheit am Arbeitsmarkt ihnen große Macht verleiht. Diese nutzen sie dazu, das Private vor das Geschäftliche zu stellen. Work-Life-Balance, geschlechtergerecht austariert, ist ihnen lieber als das große Geld oder die internationale Karriere. Bei ihren Eltern haben sie erlebt, welche Kosten anfallen, wenn man sich mit Haut und Haaren dem Job verschreibt und 80-Stunden-Wochen der Jederzeiterreichbarkeit durchzieht. Das soll ihnen nicht passieren.

          Ausbeutung oder Arbeitnehmerparadies – wer hat recht? Wie so oft kommt es auf die Perspektive an. Zum besseren Verständnis schadet es nicht, ein bisschen in die Geschichte der Ökonomie einzusteigen. Der Zufall hat uns dieser Tage ein neues Buch aus dem Suhrkamp-Verlag ins Haus gebracht, das den provokanten Untertitel trägt: „Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen und warum wir nicht darüber reden“. Das klingt nach ideologischer Schützenhilfe für die SPD-Position, ist es aber nur zum Teil. Die Autorin Elizabeth Anderson, eine amerikanische Philosophieprofessorin, forscht und unterrichtet an der Universität Michigan und wird zur Gruppe der „libertären Egalitären“ gezählt. Die heißen so, weil sie sich gegen das verbreitete Vorurteil wenden, Liberale fänden die Ungleichheit gut und Linke die Gleichheit.

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