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Hanks Welt : Hausfrauen leben gefährlich

Bild: F.A.Z.

Unser Autor hat vergangene Woche die Hausfrau verteidigt. Jetzt verteidigt er sich: Er sei selbst Hausmann. Und bleibt dabei: Die häusliche Arbeitsteilung hat Nachteile – und so sinnstiftend ist die Arbeit im Kapitalismus jetzt auch nicht.

          Nein, ich will nicht zurück in eine Zeit, in der alle Frauen Hausfrauen und alle Männer Ernährer der Familie waren. Sollte „Hanks Welt“ am vergangenen Sonntag („Wo steckt die gute Hausfrau?“) diesen Eindruck erweckt haben, widerrufe ich heute. Ich koche, putze, wasche, tue es häufig gerne, manchmal ist es lästig. Seit einiger Zeit lebe ich als Teilzeit-Hausmann, während meine Frau Vollzeit arbeitet. Aber ich bleibe dabei: Geschichte ist nicht nur Fortschrittsgeschichte. Zu sagen, Frauen hätten sich aus einstmaliger häuslicher Unterdrückung mittels Erwerbstätigkeit in den Stand der Freiheit emanzipiert, greift zu kurz.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir sind längst nicht damit fertig, einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel zu verstehen. Warum hat sich die traditionelle Familie irgendwann in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dazu entschieden, vom Prinzip der Arbeitsteilung zum Prinzip wettbewerblichen Dauerverhandelns zu wechseln? Dazu kommen jetzt ein paar Geschichten.

          Der Makel, keine Hausfrau zu sein

          Erstens: Im 19. Jahrhundert setzten Arbeiter ihren Stolz darein, dass ihre Frauen nicht lohnarbeiten mussten. Doch der Lohn des in der Industrie arbeitenden Mannes reichte häufig nicht aus, was die Frau zwang, mitzuverdienen. Weil außerhäusliche Arbeit von Frauen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein mit einem „sozialen Makel“ – so der Historiker Andreas Gestrich – behaftet war, wich man zu Heimarbeit aus oder nahm Untermieter auf, um auf diese Weise das Familieneinkommen zu mehren.

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          „Auch in meiner Kindheit in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde zu Beginn des Schuljahres vom Lehrer noch der Beruf der Mutter abgefragt, nicht diskret unter vier Augen, sondern vor der ganzen Klasse“, erzählte vergangene Woche die Autorin Carmen Treulieb auf ihrem Blog „Umami“: „Meine Mutter hatte, als ich 10 Jahre alt war, wieder angefangen zu arbeiten. Sie bestand darauf, dass ich auf die Frage zum Beruf der Mutter die Antwort ‚Hausfrau‘ gebe. Die wahre Antwort wäre gewesen: Arbeiterin, genauer: Akkordarbeiterin.“ Fabrikarbeiterin zu sein galt in der Arbeiterklasse als Makel. Hausfrau bedeutete „fleißig“, „sparsam“, „ehrenhaft“.

          Familienmanagerin mit Führungsverantwortung

          Zweitens: Als der Berliner Kommerzienrat Treibel beschließt, sich auf seinem Grundstück an der Spree eine Villa zu errichten, da folgte er einer Mode der Berliner Gründerzeit. Seine Frau Jenny, so lesen wir bei Theodor Fontane, leitet das Haus: Sie ist Familienmanagerin mit Führungsverantwortung, zählt man alle Bediensteten zusammen. Jenny Treibel kennt die Lasten und Freuden der Repräsentation.

          Der Roman des 19. und 20. Jahrhunderts bietet Anschauungsmaterial dafür, dass das bürgerliche Zeitalter in den Oberschichten ein Modell von „Familie und Beruf“ lebte, demgegenüber die heutigen Modelle nicht wirklich einen Fortschritt bedeuten. Die Konflikte, die in diesen Romanen geschildert werden, handeln von vielem, aber nie vom Anspruch der Frauen, den beruflichen und gesellschaftlichen Radius des Mannes kopieren oder überbieten zu wollen. Das wäre ihnen zu wenig gewesen. Hausfrauen hätten sie sich nicht genannt.

          Als diese Frauen der Oberschicht dann – spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg – ohne Bedienstete dastanden, mussten sie erkennen, dass sie noch nicht einmal einen einfachen Kuchen ohne Kochbuch zuwege brachten. Sie schämten sich und legten ihren Töchtern den Besuch einer Hauswirtschaftsschule nahe, um ihnen die Schmach zu ersparen – nicht um sie zur Hausfrau zu erniedrigen. Das Modell „Jenny Treibel“ hat bis heute überlebt – in den Villen des Taunusrands zum Beispiel. Gegenüber berufstätigen Frauen fühlen sich diese Frauen der Oberschicht inzwischen in der Defensive.

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