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Hanks Welt : Basta, ihr Briten!

Eine Mahnung ist noch kein Machtwort: Die Queen wendete sich unter der Woche an die britischen Politiker. Bild: AFP

Viele Deutsche fordern ein Machtwort der Queen. Das ist ein Quatschbuden-Argument. Denn das House of Commons steht für lebendige Demokratie. Der Bundestag wirkt dagegen wie ein Langweiler-Parlament.

          Genug ist genug. „Angesichts der chaotischen Zustände im Vorfeld des Brexit hat Königin Elizabeth II. ein Machtwort gesprochen: Wie die 92-Jährige in einer Fernsehansprache bekanntgab, wird die parlamentarische Monarchie mit sofortiger Wirkung wieder in eine absolute Monarchie umgewandelt.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie habe sich diesen „lächerlichen Demokratiezirkus“ lange genug mitangesehen und sei „not amused“, wird die Queen zitiert: „Nutzlose Spontanwahlen, instabile Mehrheiten, Rumgeeiere beim Brexit-Kurs, gescheiterte Abstimmungen, Misstrauensanträge, Boris Johnson. Es reicht!“

          „Die spinnen, die Briten“

          Das ist natürlich frei erfunden, zu lesen im Satiremagazin „Postillon“, einer sehr erfolgreichen Internetseite mit nach eigenen Angaben 12 Millionen Seitenaufrufen und sieben Millionen Besuchen im Monat (Dezember 2018). Die Fake-Meldung über die Abschaffung der Demokratie im Vereinigten Königreich, erschienen kurz nach der parlamentarischen Niederlage von Theresa Mays Brexit-Deal Mitte Januar, kam hierzulande besonders gut an: Auf Facebook wurde sie weit über 10.000 Mal geteilt und 2.800 Mal kommentiert.

          Es lohnt sich, diese Kommentare zu überfliegen. „Bedaure sehr, dass der Postillon ein Satiremagazin ist“, heißt es dort unter viel Beifall. „Wäre nicht das Schlechteste“, ergänzt ein anderer. Dem folgt der abgewandelte Spruch der Gallier: „Die spinnen, die Briten.“

          Man muss die Postillon-Nummer ernst nehmen, spiegelt sie doch Unverständnis und wachsende Ungeduld der Deutschen mit den Briten: Sonst gerne die Musterdemokraten, sind wir jetzt der Meinung, man dürfe es mit dem Parlamentarismus nicht übertreiben.

          Ihr Briten seid es doch selbst gewesen, die aus der Europäischen Union austreten wollten – und jetzt könnt ihr euch noch nicht einmal einigen, wie ihr es haben wollt. Was für ein Gewürge.

          Die Sehnsucht nach dem Machtwort

          Das haben wir damals besser hingekriegt in schwerer Stunde, nicht wahr? „Ich kenne keine Parteien, auch keine Konfessionen, ich kenne nur noch Deutsche“, hatte der deutsche Kaiser Wilhelm II. am 1. August 1914 in einer Ansprache gesagt, die als „2. Balkonrede“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Irgendetwas davon schwingt mit, wenn seriöse Zeitgenossen auf Facebook heute finden: „Bundespräsident Steinmeier hätte längst ein Machtwort gesprochen.“ Im Lande eines Basta-Kanzlers lieben Volk und Eliten das Machtwort.

          Fast will es scheinen, als ob dieselben Leute („aufrechte Demokraten“), die den auf Populismus gründenden Autoritarismus in vielen Ländern (Ungarn, Polen, Türkei und natürlich Amerika) geißeln, mit Blick auf die Briten das antiparlamentarische Quatschbudenargument bemühen, wenn sie sich nach dem Machtwort eines Mannes oder einer Frau an der Spitze des Königreichs sehnen.

          Zu gegenseitigem „Respekt“ hat die Queen gerade die Parlamentarier aufgefordert: Dezenter geht es kaum, ein „Machtwort“ hörte sich anders an. Würde die Queen, woran sie im Traum nicht denkt, das Parlament auflösen wollen, sie käme nicht weit.

          Noch nicht einmal bis ins Unterhaus, denn dort hat sie keinen Zutritt. Zumindest hat seit Charles I. (1600 bis 1649) kein Monarch mehr seinen Fuß ins britische Unterhaus gesetzt – aus gutem Grund: Charles hatte seine Position dramatisch überschätzt, als er am 4.Januar 1642 in bewaffneter Begleitung ins Parlament vordrang, um John Pym, den Sprecher der Parlamentspartei, zu verhaften, was kläglich fehlschlug und zudem die Bevölkerung Londons gegen ihren König aufbrachte.

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