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Hanks Welt : Tarzan in den Städten

Bild: F.A.Z.

Vertrautes kann sich schnell ändern – ohne dass wir es gleich wahrnehmen. Ein Spaziergang durch Frankfurts Großstadtdschungel.

          Als die Post noch Deutsche Bundespost hieß, gab es dort schöne, große und beheizte Schalterhallen. In diesen Hallen standen mehrere Sitzbänke und kleine Tische, manchmal auch Stehschreibtische für den Fall, dass jemand mit der Hand eine Postanweisung oder eine Zahlkarte ausfüllen musste. Hier trafen sich viele Rentner, deren Wohnung ungemütlich oder zu kalt war, auch viele junge Mütter mit Kinderwagen und manche Arbeitslose. Die Post hatte damals eine Tendenz zur Gemeinnützigkeit. Junge Frauen machten dort ihre Säuglinge frisch oder stillten sie. Die Rentnerinnen verzehrten mitgebrachte Brote. Die Beamten (man sagte damals wirklich: die Beamten) sahen dem Treiben geduldig zu. Von diesem beeindruckenden Gemeinschaftsleben ist heute nichts mehr übrig.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Erinnerungen an das Postamt als soziale Wärmestube, woran sich heute kaum jemand erinnert, verdanken wir dem Dichter Wilhelm Genazino, der vor kurzem im Alter von 75 Jahren gestorben ist. Unter dem Titel „Tarzan am Main“ hat er über Spaziergänge durch seine Stadt (natürlich: Frankfurt) geschrieben. Die Großstadt hat etwas vom Urwald, wo Tarzan sich wie in den Heften unserer Jugend von Liane zu Liane schwingt. Alles wirkt friedlich. Wo das Fremde gefährlich lauert, weiß man nie genau.

          Genazino erzählt von Katzen in Schaufenstern, nächtlich knabbernden Mäusen und alkoholbedürftigen Menschen an grauen Kiosken. Plötzlich fragt man sich, warum man sich noch nie fragte, wieso es im Innern der Städte heute kaum noch Tankstellen gibt oder warum in den Gasthäusern keine Flipper mehr stehen. Bekanntes wird fremd, Übersehenes sichtbar und Fehlendes als Fehlendes überhaupt erst erinnert. So wie das Postamt mit seinen Beamten, Rentnern und jungen Frauen.

          Eine stumme Polonaise

          Heute heißt das Postamt „McPaper“. Der Verkauf von Briefmarken oder die Verteilung von Päckchen ist nur noch ein Nebengeschäft. Eine Nachricht unseres DHL-Boten, er habe uns leider nicht angetroffen, ließ uns in der vergangenen Woche das vorweihnachtliche Post-Erlebnis vieler Mitbürger teilen. Von „Schalterhalle“ kann keine Rede mehr sein. Schon am Morgen gab es kaum mehr einen freien Stehplatz. Wie von unsichtbarer Hand zu einer stummen Polonaise verführt, wand sich die Schlange der Wartenden erst um das große Regal mit den Briefumschlägen herum, um dann vor den Filzstiften und Kugelschreibern ganz hinten zu enden. Mütter – davon gab es hier viele – benutzten ihre Kinder als Platzhalter in der Schlange, um sich rasch noch mit Schreibzeug zu versorgen. Wir durften dem Treiben übrigens tags darauf unfreiwillig noch einmal beiwohnen, denn unser DHL-Fahrer hatte es, anders als versprochen, nicht geschafft, das Päckchen rechtzeitig bei McPaper abzugeben. Oder die überforderten Angestellten, Beamtinnen sind sie längst nicht mehr, haben es beim ersten Versuch übersehen.

          Nein, es geht nicht um Nostalgie angesichts des Verlustes einer nur scheinbar heilen Welt. Es geht darum, wie schnell sich Vertrautes ändert und warum wir es meist nicht gleich wahrnehmen. Die Dichter können das besser. Als Genazino für sein Tarzan-Buch zu Anfang dieses Jahrzehnts durch Frankfurt flanierte, war von Willkommenskultur und Flüchtlingskrise noch keine Rede. Aber schon damals war ihm eine Debatte darüber aufgefallen, dass in einigen Stadtteilen die autochthone deutsche Bevölkerung zukünftig in der Minderheit sein könnte – und sich die Stadt, traditionell „bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit offen für Fremde und Flüchtlinge aller Art“, am Ende übernehmen würde. 2010, als man gerade ein neues Integrationskonzept diskutierte, hatten von den damals 670.000 Einwohnern Frankfurts 200.000 einen Migrationshintergrund, bei den Vierzehn- bis Achtzehnjährigen sogar bereits jeder zweite. Genazino berichtet das nüchtern, zitiert die türkische Soziologin Necla Kelek, dramatisiert nicht. Eine Frage zu den Chancen der Integration stellt der Dichter am Ende dann doch: Wird ein Mann aus Ostanatolien, der schon zu Hause keine Schule besuchte, ausgerechnet in der Fremde einen Sprachkurs absolvieren?

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