https://www.faz.net/-gqe-9f6ew

Rainer Hank Bild: F.A.Z.

Hanks Welt : Entmachtet die Kapitalisten!

  • -Aktualisiert am

Ein bescheidener Vorschlag für das neue Grundsatzprogramm der CDU.

          4 Min.

          Dass es der CDU ziemlich schlechtgeht, hat sich herumgesprochen. Spannender ist es, einmal darüber nachzudenken, wie es den Christdemokraten bessergehen könnte. Da hätten wir heute einen kleinen sozialpolitischen Vorschlag, obwohl wir weder zu den inoffiziellen oder offiziellen Beratern der Partei zählen noch gar zu ihren regelmäßigen Wählern. Aber man wird ja wohl – aus Interesse am Wiedererstarken einer einst stolzen Partei – sich seine Gedanken darüber machen dürfen.

          Die Wurzeln der CDU, pflegen sie im Berliner Adenauerhaus zu sagen, sind „konservativ, christlich und liberal“. In Anknüpfung an diese Tradition werkeln sie dort derzeit an einem neuen Grundsatzprogramm und einer Wiederbelebung der Sozialen Marktwirtschaft. Ziel ist es, „durch den Markt das Soziale zu erreichen“, so sagt es jedenfalls Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer. Allein dies ist bemerkenswert. Seit 2007 haben sich die Christdemokraten nicht mehr ums Grundsätzliche gekümmert; ideologiefreier Pragmatismus sollte das Markenzeichen der Parteivorsitzenden werden.

          Oswald von Nell-Breuning hat eine Idee

          Hier also der Vorschlag, dem es vor allem um die Wiederbelebung der christlichen und liberalen Tradition geht. Zum Einstieg empfiehlt sich die Lektüre eines kleinen Aufsatzes von Oswald von Nell-Breuning aus dem Jahr 1953, der den Titel „Zur Überwindung des Lohnarbeitsverhältnisses“ trägt. Das waren damals nach dem Krieg noch Zeiten, als die Katholiken sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen mussten, sondern als gesellschaftliche Kraft ernst genommen wurden!

          Nell-Breuning war Jesuitenpater, Ökonom und gilt als Nestor der katholischen Soziallehre; 1991 ist er im stolzen Alter von 101 Jahren gestorben. Sein Ausgangspunkt ist die eklatante Ungleichheit in der Verteilung der Vermögen, die ihm aus christlicher Sicht ungerecht erschien. Die herrschende Lehre unter Gewerkschaftern und christlichen Sozialisten (so etwas gab es damals) wollte in den fünfziger Jahren mit einer aggressiven Lohnpolitik die Unterschiede zwischen Arm und Reich einebnen.

          Nell-Breuning schlägt den umgekehrten Weg vor: Macht die Arbeiter zu Kapitalisten. Das etwas dröge Stichwort dafür heißt: Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand. Die Arbeiter sollen Aktien besitzen. Damit werden sie am Wachstum und Gewinn des Kapitals einer Volkswirtschaft beteiligt. Das muss damals ziemlich revolutionär geklungen haben. Aktien waren den Deutschen habituell fremd. Mein Vater, obwohl bei einer Bank beschäftigt, schwor auf „Festverzinsliche“, also Anleihen – und das war schon fortschrittlich.

          Arbeitnehmer-Aktien werden beliebter

          Fünfzehn Jahre nach Nell-Breunings Vorschlag machten sich die Idee einer Aktienrevolution auch die im „Verein für Socialpolitik“ zusammengeschlossenen liberalen Ökonomen Deutschlands zu eigen. Ihre Jahrestagung 1968 stand unter dem Rahmenthema „Lohnpolitik und Einkommensverteilung“. Nur wenn die Lohnpolitik mit wirksamer Vermögenspolitik gekoppelt werde, bestehe die Chance, die herrschende Einkommensverteilung wirksam zu verändern, formulierten die Wissenschaftler. Christliche und liberale Denker waren sich einig, es müsse mit marktwirtschaftlichen Strategien möglich sein, die vom Markt erzeugte Ungleichheit der Menschen zu verringern. Entmachtet die Kapitalisten; schlagt sie mit ihren eigenen Waffen!

          Liest man diese Texte heute, fällt auf, dass die Idee der Vermögenspolitik inzwischen gänzlich von der Agenda verschwunden ist. Allenfalls als Instrument der Altersvorsorge fristet sie ein trauriges Nischendasein, aber als Strategie der Verteilung zur Bereicherung der ärmeren Klasse wird sie nicht mehr verstanden. Die Gewerkschaften haben nie viel von Vermögensbildung gehalten: Ihre Funktionäre erhofften sich Machtgewinn eher durch aggressive Lohn- und Mitbestimmungsforderungen. Dass die Wirtschaft durch die Mitbestimmung gerechter geworden wäre, lässt sich indes – siehe Volkswagen, wo der Betriebsrat besonders mächtig ist – beim besten Willen nicht behaupten. Als dann endlich, am Ende des 20. Jahrhunderts, die Christdemokraten mit der Idee zu flirten begannen, wir müssten alle Aktionäre werden, schaffte es die Telekom-Aktie in kurzer Zeit, den Traum von der Volksaktie gründlich zu desavouieren.

          Die Deutschen sparen schlecht

          Seither ist der Volkskapitalismus mausetot. Die Folgen sind verheerend. Die Deutschen sparen wie die Weltmeister, aber sie sparen schlecht, weil aus ihrem Geld viel mehr werden könnte, wenn sie es anders anlegen würden. Inzwischen ist angesichts steigender Inflation die Rendite eines durchschnittlichen deutschen Depots, das Festgeld, Anleihen, Immobilien und Aktien enthält, sogar negativ.

          Zum Vergleich: Während fast 50 Prozent der Amerikaner ihr Geld in Aktien anlegen, sind es in Westeuropa 25 Prozent, in Deutschland aber lediglich 19 Prozent. Aktien seien riskant, Teufelszeug für Zocker, sagt der Volksmund. Dabei hätten wir seit 1970 zu jedem Zeitpunkt mit Gewinn einsteigen können, wenn wir auch nur 13 Jahre lang in Aktien investiert geblieben wären. Selbst eine Wette auf den Dax, kurz vor der Lehman-Pleite vor zehn Jahren abgeschlossen, wäre inzwischen positiv. Natürlich sind dabei nicht einzelne Aktien gemeint, sondern Fonds (ETF), die einen Aktienindex nachbilden und das Anlagerisiko streuen. Hätte, hätte, Fahrradkette!

          Macht Bürger zu Kapitalisten!

          Und was bedeutet das nun alles für die CDU? Wir finden, einen Versuch wäre es wert, die angestaubte Idee der Vermögensbildung aus der christlich-liberalen Tradition in einem neuen CDU-Programm kräftig zu bewerben. Erst recht, nachdem einiges darauf hindeutet, dass in der heutigen Superstar-Ökonomie der Digitalkonzerne die sogenannte Lohnquote weiter schrumpft: Was liegt da näher, als dass die Arbeiter und Angestellten das, was sie am Lohn relativ verlieren, sich über Kursgewinne und Dividenden wieder zurückholen.

          Dabei geht es nicht darum, den Arbeitern Aktien der eigenen Firma zu geben. Die kann pleitegehen, und dann hat der arme Mann seinen Job und sein Geld verloren. Lukrativ sind hingegen ETF-Sparpläne, in die ein (zusätzlicher) Anteil des Lohns regelmäßig fließt. Wenn man früh beginnt, werden damit aus 25 Euro im Monat nach vierzig Jahren stattliche 70.000 Euro.

          Die Politik könnte, wenn sie denn wollte, Unternehmen mit Steuervorteilen locken, ihren Belegschaften mit dem Arbeitsvertrag solche Sparpläne anzubieten. Sie könnte, noch besser, generell die Steuern senken, um den Spielraum der Menschen zum Aktiensparen zu vergrößern. Während die Linke den Großaktionären ihre Gewinne wegsteuern will, könnte eine christlich-liberale Alternative dagegen halten: Macht die Bürger zu Kapitalisten!

          War ja nur mal so eine Idee. Zur programmatischen Erneuerung der Union reicht das nicht, schon klar.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.