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Hanks Welt : Im Diesel-Wahn

Rainer Hank Bild: F.A.Z.

Wie ich das Vertrauen in Staat und Autohersteller verloren habe. Eine Analyse.

          4 Min.

          Zugegeben, um Feinstaub, Kohlenmonoxid und Stickoxide (NOx) habe ich mich bislang nicht allzu intensiv gekümmert. Das ändert sich jetzt gerade schlagartig. Schuld daran ist Volker Bouffier. Der Mann ist hessischer Ministerpräsident – jedenfalls hatte er das Amt am 28. Oktober 2018 noch inne –, wie lange noch, wird sich weisen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bouffier hat mich in der vergangenen Woche wissen lassen, die Stadt Frankfurt, wo ich seit langem wohne, sei jetzt „Intensivstadt“. Das hört sich irgendwie gut an, ist aber nur ein Euphemismus dafür, dass mein BMW-Diesel aller Wahrscheinlichkeit nach vom 1. September 2019 an stehenbleiben muss, weil in unserer City ein Fahrverbot gilt. Jetzt wird es also ernst.

          Muss es mir peinlich sein, mir die Diesel-Frage erst zu stellen, da es mir an die automobile Freiheit gehen könnte? Nicht unbedingt, finde ich. Immerhin ist mein Auto erst vier Jahre alt, also keine Dreckschleuder, fährt prima und hat die grüne Umwelt-Plakette, mit der ich mich bislang ökologisch auf der guten Seite wähnte. Den feinen Unterschied, dass es bei der Plakette um Feinstaub geht, während jetzt das bislang als klimafreundlich geltende, dafür aber mutmaßlich gesundheitsgefährdende Stickstoffdioxid in die Kritik geraten ist, habe ich erst jetzt begriffen.

          Na hallo, das klingt gut!

          Was ich mir ebenfalls nicht vorwerfe: Schließlich bin ich weder Chemiker noch Autoingenieur. Verlässlichkeit verheißt Reduktion von Komplexität, irgendwie muss man im Leben ja zurechtkommen. Noch im vergangenen Jahr, als es mir zum ersten Mal ein wenig mulmig wurde, hatte ich meine Chance ergriffen und am Rande eines Interviews den BMW-Chef Harald Krüger gefragt, ob ich mir denn Sorgen machen müsse. Und, was soll ich sagen, der Mann erklärte mir, mit der Abgasnorm Euro 5 sei mein Wagen ziemlich vorne dran.

          Und jetzt? Herrn Krüger anzurufen, habe ich nicht schon wieder gewagt. Stattdessen mache ich von einem auf der BMW-Homepage („Aus Freude am Fahren“) eingerichteten Angebot Gebrauch, nachzuforschen, wie es um mein Auto stünde. Dazu muss man lediglich seine Fahrzeugidentifikationsnummer eingeben – die man ja ohnehin wie seine IBAN-Nummer stets auswendig parat hat – und außerdem beweisen, dass man kein Roboter ist: schon spuckt das System eine Antwort aus.

          In meinem Fall gab es abermals viel Trost vom zuständigen Autobauer: „Ihr Fahrzeug zeigt bereits ohne eine freiwillige Diesel-Software-Aktualisierung ein gutes Niveau bei den Realemissionen, so dass sich durch eine Software-Aktualisierung keine Potenziale zur NOx Reduzierung ergeben.“ Na hallo, das klingt gut! Damit wäre für mich die Sache also gelaufen, zumal es Mitte der vergangenen Woche auch irgendwie geheißen hatte, Frau Merkel, die Kanzlerin, wolle nun nicht gleich jedes Mikrogramm NOx auf die Goldwaage legen, sondern aus Rücksicht auf mich und die für sie prekären Wahlen in Hessen einen Ermessensspielraum ins Emissionsschutzgesetz hineinschreiben, der nach den Kriterien der Verhältnismäßigkeit am Ende schon dazu führen werde, dass ich in Ruhe meinen Diesel werde weiter fahren können.

          Die Verwirrung ist größer denn je, mein Ärger erst recht.

          Umso härter traf mich Ende der Woche die Nachricht von der Kehrwende der Kanzlerin und dem Eingeständnis, sie könne nun doch nichts mehr tun für mich und meinen Diesel. Irgendwie habe man sich vermessen: Frankfurt sei im Schnitt nicht mit 47, sondern mit 54 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft verpestet, und da komme alle Verhältnismäßigkeit an ihre Grenzen. Am 1.9. 2019 also ist, wenn nicht noch ein Luftwunder geschieht, für mich Schluss. Die aktuelle Auskunft von BMW wird Makulatur. Die Beruhigungsaktion der Kanzlerin erst recht.

          Worauf soll man sich dann noch verlassen? Auf die eigene Anschauung, denke ich, und mache mich auf in die Friedberger Landstraße. Das ist dieseltechnisch gesehen jener Ort, der in Stuttgart „Neckartor“ heißt – die alles entscheidende Luftmessstation für uns Frankfurter. Sie zeichne sich durch ihre Nähe zu Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen aus sowie durch ihre Plazierung in Straßenschluchten, wodurch die Verteilung von Schadstoffen eingeschränkt und hohe Konzentrationen erreicht würden, heißt es auf der Homepage des Landes Hessen. Will sagen, man misst da, wo man von vornherein hoffen darf, dass schlechte Werte herauskommen. Ich nehme deshalb lieber das Fahrrad, um nicht durch eigenes Verschulden die Dinge zu verschärfen.

          Tatsächlich ist die Friedberger Landstraße 84, wo die Messbox steht, nicht wirklich ein lauschiges Plätzchen: Viele Autos, die Straßenbahn, ein Thailänder, ein Vietnamese, der CVJM und ein Frankfurter Wasserhäuschen (hochdeutsch: Trinkhalle). Aus dem Wahlkampf ist noch ein Plakat eines Auftritts hängengeblieben mit der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und mit Joschka Fischer, „ehemaliger Außenminister“. Wohnen wollte man hier nicht unbedingt. Aber die NOx-Werte in der Friedberger, die sich online gleichzeitig ablesen lassen, sind an diesem Donnerstagmittag gegen 12 Uhr mit 26 Mikrogramm gar nicht so übel, 14 Punkte unter dem zulässigen Durchschnittswert. Die Freude hält allerdings nur kurz an: Denn der aktuelle Wert sagt natürlich gar nichts. Die Sache gegen die Dieselfahrer ist dann entschieden, wenn der aktuelle Wert häufiger als 18-mal im Jahr über 200 Mikrogramm steigt. Daran, dass das in dieser straßenschluchtig-unwirtlichen Gegend öfters mal passieren kann, habe ich keinen Zweifel.

          Und nun? Die Verwirrung ist größer denn je, mein Ärger erst recht. Bouffier und seine Freunde wollen mich in eine Hardware-Nachrüstung schicken, obwohl BMW doch sagt, softwaremäßig sei bei mir alles in Ordnung. Das würde 3000 Euro kosten, wird aber bislang gar nirgends angeboten. Wer zahlt, ist ebenfalls völlig offen. Ich jedenfalls zahle nicht, so viel steht fest. Ich will zur Strafe noch einen Aufschlag haben – für das gebrochenen Vertrauen. Ob Herr Bouffier oder Herr Krüger zahlt, ist mir egal. Gerne auch beide. „Vertrauen“, sagt der Ökonomie-Nobelpreisträger Kenneth Arrow, sei die wichtigste ökonomische Ressource: „Es ist Schmiermittel eines sozialen Systems, extrem effizient und bietet ein faires Maß der Verlässlichkeit“. Schmiermittel passt, metaphorisch gesehen, ganz gut zum Diesel, finde ich.

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