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Hanks Welt : Die Welt wird nach Corona ungleicher sein

Was macht Corona aus dem Unterschied zwischen arm und reich? (Symbolbild) Bild: dpa

So weit sich die Lage Anfang August 2020 überblicken lässt, taugt die Corona-Pandemie noch nicht einmal als Egalisierungsmaschine. Belege dafür finden sich auf dem Arbeitsmarkt, in der Bildung und der Literatur.

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          Sind Seuchen die „sozialsten aller Krankheiten“? Solche Behauptungen hört man derzeit öfter: Seuchen treffen nie nur den Einzelnen, sondern immer die Gesellschaft als Ganzes. Daraus lässt sich dann ableiten, dass auch alle Menschen gleichermaßen Anspruch haben auf Hilfe, eben weil eine Pandemie wie Covid-19 weder Arme noch Reiche verschont. Diese Nichtdiskriminierung „sozial“ zu nennen scheint mir jedoch eher unangemessen zu sein. Zumindest dann, wenn bei „sozial“ die Assoziation „solidarisch“ oder gar „gemeinnützig“ mitschwingt.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn selbst wenn das Virus nicht diskriminiert, der ökonomische Schock, den die Pandemie auf die Welt gebracht hat, tut es durchaus – und zwar in erheblichem Maße. Die Frage ist bloß, wie: Wird die Welt nach Corona gleicher oder ungleicher sein? Folgt man Walter Scheidel, einem an der Universität Stanford lehrenden Althistoriker, müsste Corona die Welt egalisieren. In seinem Buch „Nach dem Krieg sind alle gleich“ (englisch: „The Great Leveller“) zeigt er, dass in normalen Zeiten die soziale Ungleichheit zwischen den Menschen stets größer wird, während schlimme Zeiten wenigstens ein Gutes haben: Sie nivellieren Einkommensabstände.

          „Schlimme Zeiten“, das sind große Kriege, Revolutionen, dramatische Staatspleiten und eben Pandemien. Sie eint, dass die Vermögen der Reichen vernichtet werden und zugleich ärmere Schichten mehr Geld haben, weil – so zynisch es klingt – nach der Katastrophe weniger Menschen übrig sind, die um Arbeitsplätze konkurrieren. Das Arbeitsangebot ist knapper geworden, die Nachfrage aber wächst in Zeiten des Wiederaufbaus. Der Befund trifft besonders für die Zeit vor hundert Jahren zu, als sich das Ende des Ersten Weltkriegs und die Spanische Grippe in ihrer Wirkung überlagerten.

          Macht Corona die Welt gleicher?

          Gilt also auch: Nach Corona sind alle gleich? Vermutlich nicht. Eher ist zu befürchten, dass Covid-19 die Welt ungleicher machen wird. Und dass vor allem die Ärmeren leiden werden. Die Aktienbesitzer konnten sich nach einem kurzen Schock wieder freuen; ihr Depot erreicht bald wieder den Vor-Corona-Höchststand. Dass die hohe Staatsverschuldung einen Vermögensverlust speziell für Millionäre mit sich bringt, ist kaum zu befürchten; eher trifft eine Inflation alle, vor allem die Ärmeren. Jetzt schon steigt weltweit die Arbeitslosigkeit, insbesondere gering Qualifizierte verlieren ihre Jobs. Mehr noch: Corona wurde nicht selten aus den reichen Städten der Welt in die armen Länder verschleppt. In den reichen Ölstaaten des Vorderen Orients bedeutete der Lockdown, dass Hunderttausende Wanderarbeiter aus Indien, Bangladesch oder Indonesien nach Hause geschickt wurden, mit der Folge, dass sie das Virus in ihre Heimat importierten. Sozial kann man das nicht nennen.

          Doch welche Verteilungswirkung hat das Virus in reichen Ländern? Aggregierte Zahlen wie der Rückgang des Bruttosozialprodukts und die steigende Arbeitslosigkeit bleiben ziemlich abstrakt. Wie soll man sich den Einbruch der Wirtschaftsleistung um 10 Prozent konkret vorstellen, den die Statistiker für das zweite Quartal in Deutschland errechnet haben? Einen faszinierenden Versuch, Verteilungswirkungen konkret zu machen, hat der Harvard-Ökonom Raj Chetti zusammen mit seinem „Opportunity Insight Team“ unternommen. Dazu wertet das Team Daten zum echten Konsumverhalten der Menschen aus, die von Kredit- und Debitkarten-Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Für sensible deutsche Datenschützer muss man sogleich hinzufügen, dass es sich zwar um eine Fülle von Echtzeitdaten handelt, die man am Markt kaufen kann, die aber selbstverständlich alle anonymisiert sind.

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