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Hanks Welt : Die Welt wird nach Corona ungleicher sein

Was kommt dabei heraus? Zunächst: Der größte Anteil der ausbleibenden Wirtschaftsaktivitäten lässt sich auf den gesunkenen Konsum zurückführen. Das wiederum liegt weniger an schwindender Kaufkraft, sondern am coronabedingt verriegelten Angebot insbesondere der personenbezogenen Dienstleistungen: Hotels, Restaurants, Reisen, Einkäufe in der Boutique – all das kam zum Erliegen, wie die Kreditkartenabrechnungen zeigen. Es gibt aber einen gravierenden Unterschied: Der Konsum der Reichen ging in Amerika im zweiten Quartal 2020 viel stärker zurück als die Geldausgaben der Ärmeren, und zwar proportional wie absolut. Die Reichen reduzierten ihre Konsumausgaben um 3,1 Milliarden Dollar (31 Prozent) am Tag, die Armen um eine Milliarde (23 Prozent).

Krise vor allem Niedriglohnsektor spürbar

Was hat das mit der Ungleichheit zu tun? Viel. Denn dort, wo die Reichen üblicherweise viel Geld lassen – in Restaurants, in teuren Boutiquen oder Hotels, auf Kreuzfahrten – stieg die Arbeitslosigkeit signifikant an. So ist das in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, wo die einen auf die anderen angewiesen sind. Wanderarbeiter werden in ihre arme Heimat zurückgeschickt. Bedienungspersonal in Hotels und in den Gaststätten der Upper East- oder Westside Manhattans wird in die Arbeitslosigkeit geschickt. 70 Prozent der Arbeiter im Niedriglohnbereich, die in reichen Stadtteilen New Yorks ihre Jobs hatten, verloren ihre Arbeit. Die Arbeitslosigkeit in der Bronx nahm hingegen viel weniger zu. Man könnte sagen: Hier hat sich die sogenannte „Trickle down“-Theorie bewahrheitet, die besagt: Ärmere sind auf Reichere angewiesen. Können die Reichen kein Geld ausgeben, leiden darunter vor allem die Armen.

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Ungleichheit durch Corona größer wird, zeigen Chettis Daten über die Inanspruchnahme von Bildung, die der Ökonom von verbreiteten Mathematik-Apps bezieht. Während des harten Lockdowns haben sich Collegestudenten allüberall demnach wenig mit Mathematik beschäftigt. Als sich die Lage entspannte, fingen Studenten aus bildungsbürgerlichen Schichten sogleich wieder an, Matheaufgaben zu lösen, während Kommilitonen aus ärmeren Milieus deutlich länger säumig blieben. Das korrespondiert mit einem Befund des deutschen Ifo-Instituts: Nichtakademiker-Kinder und leistungsschwache Schüler fanden in der Krise besonders selten Hilfe zum Lernen.

Die entscheidende Frage ist jetzt, ob sich die Kluft zwischen Arm und Reich wieder schließen wird, wenn Corona vorbei ist. Auch hier ist Skepsis angebracht. Unterschiede im Lernverhalten werden ohnehin längerfristige negative Wirkungen haben. Aber auch die Veränderung der Arbeitswelt könnte sich negativ auswirken: Wenn viele gutbezahlte Banker oder Anwälte in Frankfurt künftig häufiger irgendwo zu Hause in der Wetterau arbeiten, werden sie nicht mehr in den teuren Restaurants des Frankfurter Westends essen. Und wenn Migranten und Wanderarbeiter als virologisch gefährlich gelten (Tönnies), könnte es sein, dass Schlachtbetriebe aus Kostengründen künftig stärker automatisieren und Roboter die Schweine zerlegen. Ein steigender Mindestlohn – wie hierzulande beschlossen – bei gebremster Globalisierung und reduziertem Arbeitsangebot würde diesen Trend verstärken.

So weit sich die Lage Anfang August 2020 überblicken lässt, sieht es so aus, als ob diese blöde Pandemie noch nicht einmal als Egalisierungsmaschine taugt.

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