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Hanks Welt : Die Feinde des Fortschritts

Hermann Lübbe auf Schloss Elmau im Jahr 2000 Bild: Wonge Bergmann

Warum es sich lohnt, Hermann Lübbe zu lesen.

          4 Min.

          Gegenwärtig bereitet sich eine moralisierende, nämlich gegnerische Personen oder Gruppen disqualifizierende Form der politischen Auseinandersetzung aus. Dieser politische Moralismus ist das appellative Bemühen, die Verbesserung gesellschaftlicher Zustände von einer Stimulierung guter Gesinnung zu erwarten statt von einer Verbesserung ordnungspolitischer Institutionen. Es handelt sich dabei um ein Krisensymptom.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Solche Sätze passen gut auf das zu Ende gehende Jahr 2019. Es war das Jahr des Klima-Moralismus. Doch die drei Sätze stammen aus einem im Jahr 1984 gehaltenen Vortrag des Philosophen Hermann Lübbe, der den Titel „Die Politik, die Wahrheit und die Moral“ trägt.

          Das beweist: Der im Drohgestus daherkommende Moralismus unserer Tage ist ein alter Bekannter. Lübbe, der greise und weise Denker, der am Silvestertag seinen 93. Geburtstag feiert, hatte die wunderbare Idee, den Vortrag von 1984 jetzt noch einmal zu veröffentlichen, und zwar unter der viel aussagekräftigeren Überschrift: „Politischer Moralismus: Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“. Damit ist – fast – alles gesagt. Das Buch ist deshalb mein Buch des Jahres 2019.

          Wer ist Hermann Lübbe? Ein Philosoph, der zeitlebens neugierig geblieben ist und dem der Olymp des reinen Geistes immer zu eng war. Lübbe gehörte als Professor in der Aufbruchsbewegung der sechziger Jahre zur Gründungsgeneration der Universität Bochum. Von 1966 bis 1970 war er – damals Mitglied der SPD – Staatssekretär in Nordrhein-Westfalen.

          Es war die Zeit der großen, von den Sozialdemokraten getragenen Bildungsoffensive für alle gesellschaftlichen Schichten. Im nachfolgenden, ideologisch politisierten Klima der Spätachtundsechziger fühlte er sich nicht mehr wohl: Von 1971 an lehrte und forschte er an der Universität Zürich, wo ein liberalerer Wind wehte als in Deutschland. Sein Lebensthema ist bis heute: Wie viel Fortschritt steckt in unserer Welt? Und wie viel Kultur- und Kapitalismuskritik hat diese Fortschrittsgeschichte verdient?

          Eine „Nebenfolge“ der Zivilisation

          Damit sind wir beim politischen Moralismus. Moralismus, so Lübbe, ist die Praxis des Umschaltens vom Argument des Gegners auf das Argument der Bezweiflung seiner moralischen Integrität. Statt der Meinung des Gegners zu widersprechen, drückt man seine Empörung aus. Das trifft die neue Klimabewegung „Extinction Rebellion (XR)“ und, schwächer, auch die von „Fridays for Future“ (FFF) geführten Proteste: „Es ist Zeit! Jetzt oder nie gilt es, radikal zu werden. Erheben wir uns. Rebellieren wir!“ Mit diesem Slogan wirbt das Handbuch „Wann wenn nicht wir“ der Extinction Rebellion um Zustimmung. Es artikuliert sich Widerstand, der autoritativ „Haltung“ nennt, was in Wirklichkeit lediglich Gesinnung ist.

          Die Legitimation der Rebellion bezieht der politische Moralismus aus dem polemisch zugespitzten Vorwurf, der Klimawandel sei „menschengemacht“. Das ist natürlich wahr, aber nicht im Sinne bösartigen intentionalen Handelns, sondern als „Nebenfolge“ der von Menschen gemachten Zivilisation. Auf diesen Unterschied kommt alles an: Die Massentötungen in den Vernichtungslagern der Nazis waren gewollt, geplant und dann exekutiert. So war es auch mit den von Stalin absichtsvoll dem Hungertod überantworteten russischen Großbauern. „Für diese Katastrophen gibt es moralisch zurechenbare individuelle Verantwortlichkeiten“, schreibt Lübbe. Der Klimawandel, zweifellos eine der größten Zivilisationslasten, die uns derzeit bedrücken, ist dagegen eine „Nebenfolge“ der Zivilisation.

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