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Herrhausen-Ermordung 1989 : Deutschland im Herbst

1989: Polizeibeamte stehen in Bad Homburg neben dem Wrack der Herrhausen-Limousine. Bild: dpa

Vor 30 Jahren wurde der damalige Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, ermordet. Was von seinem Vermächtnis bleibt.

          4 Min.

          Als Alfred Herrhausen am Mittwoch, den 29. November 1989, nach Gesprächen mit ranghohen sowjetischen Politikern in der Nacht nach Bad Homburg zurückgekehrt war, hatte er das dringende Bedürfnis, am heimischen Küchentisch mit Traudl, seiner Frau, noch einen Schnaps zu trinken. Mit diesem Satz beginnt das letzte Kapitel („Das Attentat“) in Friederike Sattlers großer, gerade erschienener Herrhausen-Biographie, die Dennis Kremer am vergangenen Sonntag in der F.A.S. vorgestellt hat. Herrhausen, Chef der damals mächtigen Deutschen Bank, machte an jenem Abend seiner großen Wut darüber Luft, dass die „Bedenkenträger im Vorstand“ alle seine Ideen blockierten, die Bank zum großen internationalen Player umzubauen. Er witterte eine „Palastrevolution“, liebäugelte mit Rücktritt: Deprimiert und resigniert, befand er sich in der tiefsten persönlichen Krise. Als Traudl zu Geduld mahnte, fühlte er sich am Ende auch von der Ehefrau im Stich gelassen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am nächsten Morgen, dem 30. November 1989, fuhr Herrhausen in seinem gepanzerten Wagen, eskortiert von zwei Begleitfahrzeugen mit Sicherheitspersonal, ins Büro. Unweit seiner Wohnung geriet er in eine Sprengfalle. Traudl Herrhausen, die ihrem Mann sofort nachgefahren war, konnte keine lebensrettende Soforthilfe mehr leisten. Herrhausen war auf der Stelle tot, er wurde das Opfer brutaler Terroristen.

          Am kommenden Samstag jährt sich dieser Mord zum dreißigsten Mal. Die Erinnerung daran versetzt uns in ein anderes Jahr 1989 als jenes, das wir derzeit feiern. Exakt drei Wochen nach dem als Freudentag erlebten Fall der Mauer hatten mutmaßlich der sogenannten „Rote Armee Fraktion“ (RAF) angehörende Terroristen mit einer Bluttat auf sich aufmerksam gemacht. Bankiers waren als Repräsentanten des verhassten Finanzkapitalismus bevorzugte Ziele dieser Verbrecher. Es war eben auch eine „bleierne Zeit“ (Margarethe von Trotta), die Deutschland viel länger als nur jenen blutigen Herbst 1977 lang in Atem hielt, als Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer barbarisch ermordeten und anschließend die RAF-Promis Baader, Ensslin, Raspe im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim Selbstmord begingen.

          Die Mörder Herrhausens wurden nie gefasst

          Auch wenn man als Wirtschaftsjournalist den Schock des 30. Novembers 1989 miterlebt hat, sorgt offenbar eine beschönigend-unzuverlässige Erinnerung dafür, die RAF-Jahre der Republik fälschlicherweise auf eine kurze Phase zu komprimieren. Dabei zeigt ein kurzer Blick ins Lexikon, dass die linksextremen Mörder von Anfang der siebziger Jahre bis zu ihrer offiziellen Selbstauflösung als Verbrecherbande im Jahr 1998 zwanzig Jahre lang unter uns waren – und das Leben von Top-Managern und Politikern stets von Todesangst überschattet wurde. Herrhausen hatte schon während der Schleyer-Entführung seiner Frau einen Umschlag in Verwahrung gegeben und verfügt, dass, sollte er selbst entführt werden, man auf „unverantwortliche Erpressungen gegen den demokratischen Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland“ nicht eingehen dürfe. Die Mörder Herrhausens wurden bis heute nicht gefasst; eklatante Versäumnisse des BKA wurden nie aufgearbeitet.

          Gefragt, warum sich die Lektüre einer Biographie über Alfred Herrhausen auch für Leute lohnt, die keine Bankexperten oder Wirtschaftshistoriker sind, würde ich auf die Konfrontation mit der Fremdheit einer Zeit verweisen, die gar nicht allzu lange zurückliegt und uns deshalb zu Unrecht vertraut dünkt. Gegen das verbreitete Diktum, man könne eine Zeit nicht verstehen, wenn man nicht dabei gewesen sei, gilt viel eher: Gerade, wer dabei war, versteht wenig und Falsches, benötigt die Korrektur durch die Historiker. Das glückliche deutsche Jahr 1989 war zugleich ein Jahr des deutschen Terrors. Nicht erst die Islamisten haben den Terror zu uns gebracht.

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