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Hanks Welt : Nichts gegen das Auto

Ökonomen wissen, dass steigende Nachfrage bei unverändertem Angebot – es gibt nicht mehr Straßen – zu einem Problem wird: Wir nennen es Stau. Bild: dpa

Autonarr Andreas Scheuer macht es den Verkehrspädagogen einfach, ihn als Lobbyisten und kraftstrotzenden Hedonisten in die Schäm-Dich-Ecke zu stellen. Doch so einfach ist es nicht.

          Die Debatte über ein Tempolimit ist ein Symptom. Natürlich geht die Welt nicht unter bei einer Obergrenze von 130 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen. Und natürlich leben Menschen in Frankreich (Tempo 130) oder der Schweiz (Tempo 120) nicht im Gefängnis der Immobilität. Es geht in Wirklichkeit gar nicht um die Obergrenze, sondern um den sogenannten Individualverkehr, ein Begriff, der zunehmend zu einem Schimpfwort geworden ist, weil er nach Individualismus (böse) klingt, was neuerdings als Synonym von Egoismus (sehr böse) gilt.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Individualverkehr, so muss man glauben, richtet nur Schlimmes an: Er schadet unserem Klima (CO2), unserer Gesundheit (Feinstaub, NOx) und gefährdet andere Fahrzeuge oder Passanten lebensgefährlich. Deshalb soll das Autofahren so unattraktiv wie möglich gemacht und aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. In den Städten gehört es am besten ganz verboten (beim Dieselverbot fängt es an) und auf den Landstraßen und Autobahnen wird es spaßhemmend reguliert und mit teuren Geldbußen und Flensburgpunkten umzingelt. Ein Bündnis von Verbotsrhetorikern und Verzichtspredigern hat sich zusammengefunden, die den staatlichen Eingriff in die individuelle Bürgerfreiheit mit übergeordneten moralischen Zielen legitimieren. Um die Gattung zu retten, wird das einzelne Individuum bevormundet, erzogen und am Ende entmachtet. Getreu dem Motto der guten Mutter: Ich will ja nur Dein Bestes.

          Man muss kein Autonarr sein, um das Auto zu verteidigen

          Zur Sicherheit ein Bekenntnis: Ich bin kein Autonarr, kann mit Mühe einen BMW von einem Audi unterscheiden, fahre sommers in der Stadt Fahrrad und genieße den Rausch der Geschwindigkeit lieber auf der Skipiste als auf der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt. Vielleicht wäre es im Dienste der Glaubwürdigkeit auch besser gewesen, die Kanzlerin hätte eine Politiker*in vom Typ Ilse Aigner (war mal Vizemeisterin im Rennradfahren) oder Norbert Röttgen zum Verkehrsminister gemacht, der konsequent mit dem Rad zur Arbeit fährt (oder sich zumindest so vermarkten lässt) und nicht den Autonarr Andreas „Andy“ Scheuer, der Oldtimer sammelt, dienstlich 7er BMW fährt (korrekt: „plug-in-hybrid“) und privat einen BMW 325 ix, Baujahr 1987, sein eigen nennt, den sich Franz Josef Strauß kurz vor seinem Tod gekauft hatte.

          Autonarr Scheuer macht es den Verkehrspädagogen einfach, ihn als Lobbyisten und kraftstrotzenden Hedonisten in die Schäm-Dich-Ecke zu stellen. Das Argument liegt nahe, dass dem deutschen Mann der Wert der Freiheit immer erst dann einfalle, wenn es um die Verteidigung einer dreistelligen PS-Zahl bei seinem Auto gehe. Das bringt nicht nur den Mann, sondern auch die Freiheit in Misskredit.

          Doch so einfach ist es nicht. Freiheit beginnt nicht erst in erst im philosophischen Oberseminar. Sie hat tatsächlich sehr unmittelbar etwas mit Mobilität für jedermann zu tun. Dazu müssen wir ein bisschen ausholen. Wir Menschen sind zwar einerseits die Krone der Schöpfung, andererseits sind wir auch irgendwie nicht richtig fertig geworden. Arnold Gehlen, ein Philosoph des 20. Jahrhundert, sagt, wir seien eigentlich ein „Mängelwesen“. Schon dass wir von der Evolution dazu verpflichtet wurden, auf zwei Beinen durch die Welt zu gehen, beschert uns zwar den stolzen aufrechten Gang, hat uns aber doch auch ziemlich wackelig werden lassen. Doch, wie wir so sind, haben wir aus unserem Defizit eine Stärke gemacht und uns Entlastung von der gattungspezifischen Belastung gesucht.

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