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Hanks Welt : Testmuffel müssen sich nicht fürchten

In Tübingen stoßen Besucher eines wieder geöffneten Biergartens an. Bild: Tom Weller/dpa

Warum halten wir uns brav an die Corona-Regeln, obwohl das Risiko aufzufliegen so gering ist? Unser Autor ist der Frage auf den Grund gegangen.

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          So fühlt sich Freiheit an: Platz nehmen, Speisekarte studieren, Bestellung aufgeben. Wie lange hat uns das gefehlt! Jetzt also geht es los. Das Zauberwort heißt „Außengastronomie“. Vor den Genuss haben die Corona-Politiker die bestandene Aufnahmeprüfung gesetzt: Wer nicht genesen oder doppelt geimpft ist, der braucht einen frischen negativen Test. Da fängt unser innerer Utilitarist sogleich zu wägen an: Termin vereinbaren, Teststation aufsuchen, Ergebnis abwarten – und das alles für zwei Weizenbiere am kalten Frühsommerabend?

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Von zwei Erfahrungen kann ich berichten. Beim ersten Mal ging es oberkorrekt zu. Vor Betreten des Gasthausgartens mussten wir einen Selbsttest machen, dann einchecken über die Luca-App, dann mit Maske der Wirtin das negative Ergebnis vorzeigen, die dafür ein mehr oder weniger amtlich aussehendes Dokument ausstellt. Zeitkosten etwa fünfzehn Minuten, dann unbeschwert Abendessen. Das nächste Mal, andere Lokalität, ging es deutlich lockerer zu. Zwar stand auf der Schiefertafel am Eingang, der Zugang sei nur mit Test oder Doppelimpfung erlaubt. Gefragt hat uns niemand.

          Dieser zweite Besuch, mit viel weniger Aufwand und an Eigenverantwortung appellierend, fühlte sich freiheitlicher an, hinterließ aber einen Rest schlechtes Gewissen: Ich hätte ja auch von mir aus das Testthema ansprechen können. Und was wäre passiert, wäre just beim Hauptgang („Tartare Frites“) ein Kontrolleur erschienen? Oder es säße ein Superspreader mitten unter uns. Das müsste man wohl den Ischgl-Moment nennen.

          Gehen wir die Sache systematisch an. Gary Becker, Altmeister der Chicago-Schule der Ökonomie, 1992 mit dem Nobelpreis dekoriert, 2014 verstorben, pflegte gerne folgende Geschichte zu erzählen: Spät dran bei einem wichtigen Termin, steht er vor der Wahl, lange ein Parkhaus zu suchen und den Termin nicht zu schaffen – oder im Parkverbot direkt vor seinem Ziel den Wagen abzustellen und einen Strafzettel zu riskieren. Becker entschied sich für das Parkverbot, nachdem er intuitiv die Strafzettel-Wahrscheinlichkeit als gering und das drohende Knöllchen als verkraftbar taxiert hatte. Solche Kosten-Nutzen-Erwägungen finden überall statt. Für den das Recht durchsetzenden Staat bedeutet das, dass er zwei Möglichkeiten hat: Entweder muss die Entdeckungswahrscheinlichkeit hoch sein (viele kontrollierende Polizisten) oder die Strafe saftig.

          Zurück in die Außengastronomie: Die Entdeckungswahrscheinlichkeit scheint mir ziemlich gering zu sein. Es müssten in den kommenden Wochen sonst viele Sheriffs durch deutsche Biergärten streifen. Und sähe das dann nicht wirklich arg nach Polizeistaat aus? Gemäß der Substitutionstheorie von Gary Becker müsste folglich die Strafe ordentlich ausfallen, um die Corona-Norm durchzusetzen. Wie hoch wäre das Bußgeld gewesen, hätte man mich beim Tatar ohne Impfausweis erwischt? Und wer müsste es bezahlen: ich oder der Wirt?

          Parkknöllchen und Testpflicht

          Weder im Internet noch im F.A.Z.-Archiv ist dazu Eindeutiges zu erfahren. Nachfrage beim hessischen Gesundheitsministerium. Die amtliche Antwort: Die Höhe des Bußgeldes werde von der „kontrollierenden Gebietskörperschaft“ festgelegt. Für Frankfurt wird eine Spanne zwischen 500 und 1000 Euro genannt, zu zahlen vom Wirt.

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